Gesellschaften


Haben Frauen Geschichte geschrieben? *

"Die Frau ist die Zukunft des Mannes..." schrieb der französische Schriftsteller Louis Aragon. Aber vielleicht ist sie auch seine Vergangenheit? Eine Vergangenheit, in der sie einen vorherrschenden Platz hatte, den sie später verloren hat. Eine bemerkenswerte Sendung des Fernsehkanals ARTE über prähistorische Entdeckungen hat gerade gezeigt, dass im Paläolithikum, dem Zeitalter der Jäger und Sammler, die Frauen den Männern absolut ebenbürtig waren, aber dass ihr Status erst im Neolithikum, insbesondere ab der Bronzezeit, abgewertet wurde. 

In unserer Zivilisation wurde diese Minderwertigkeit der Frauen während der Renaissance akzentuiert und im 19. Jahrhundert mutierte sie zur Unterlegenheit. Dieser Rückschritt ist noch im Familienmuster der christlichen Religion und - das sagte die Sendung nicht - noch stärker im Islam zu beobachten.

Die Gleichheit von Frau und Mann, ja sogar die häufige Vorrangstellung der Frau entsprechend ihren Talenten und Verdiensten bestand allerdings unter den Wikingern fort, deren Gräber im 10. Jahrhundert Frauen mit hohen Rängen in allen handwerklichen und gesellschaftlichen Berufen, einschließlich derer von reisenden Entdeckerinnen und Kriegerinnen, ja sogar von Kriegsherrinnen offenbaren. Die Archäologin Julia Katharina Koch erzählt in diesem Bericht die Geschichte des berühmten Fürstengrabes Bj 581 von Birga in Schweden, dessen Bewohnerin bei einer genetischen Untersuchung als Frau erkannt wurde, nachdem sie mehr als ein Jahrhundert lang zum Mann erklärt worden war. Ein weiteres bedeutendes Frauengrab ist die sogenannte "Dame von Vix" in Burgund. Das Grab von Windeby in Deutschland wurde zunächst einer ehebrecherischen Frau zugeschrieben, die zur Strafe mit verbundenen Augen begraben worden war. Im Jahr 2006 stellte sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen kranken jungen Mann handelte.

Lange Zeit haben Archäologen ihre Erkenntnisse auf das antifeministische Modell ihrer Zeit gestützt und geglaubt, dass die antiken Gesellschaften die gleiche soziale Struktur wie ihre eigene hatten, nämlich diejenig der patriarchalischen Familie, die seit dem 19. Jahrhundert von dem Mann dominiert wurde.  Es kam daher, dass die ersten Archäologen und Paläontologen Männer waren. Doch sie hätten sehen können, dass in den maltesischen Hypogäen, kolossalen Bauwerken, die mehr als 5.000 Jahre alt sind und in denen bis zu 7.000 Menschen begraben wurden, der Bestattungsapparat von Frauen und Männern identisch war. Wenn Gleichheit im Tod existierte, dann erst recht im Leben. Statuen zeigen auch dort mächtige Frauen.

Eine der bemerkenswertesten Enthüllungen dieser Sendung, die noch weiter in die Vergangenheit zurückreicht, ist der Nachweis, dass die "negativen Hände", die neben den Höhlenmalereien in den frühesten prähistorischen Höhlen schabloniert sind, sehr oft Frauenhände waren. Da beweist in der Sendung ein Anatomie-Spezialist, Patrick Randolf-Quinney, anhand von Messungen und Morphologie, dass diese Hände Frauenhände waren. Es ist daher mehr als wahrscheinlich, dass viele der Zeichnungen von Cosquer, Lascaux, Altamira und anderen berühmten Orten von Frauen gezeichnet wurden. Jahrhundertelang wurde jedoch von der Hierarchie der Geschlechter aus gedacht, dass die Kunst nicht den Frauen gehört.

Auf der Grundlage von Ausgrabungen im Henan, China, konnte die Archäologin Kathe Pechenkina mit Unterstützung der Shandung Universität zeigen, dass Frauen im frühen Neolithikum bei der Verteilung der Bestattungen den gleichen Status wie Männer hatten. Der isotopische Abdruck ihrer Knochen und Zähne beweist, dass die Ernährung von Frauen und Männern zu jener Zeit identisch war, wenn man den Kohlenstoff für den Pflanzenkonsum und den Stickstoff für den Fleisch- und Fischkonsum untersucht. In der Bronzezeit wurde die Bedeutung der Frauen jedoch sowohl in China als auch in Europa herabgesetzt. Die Frauenernährung wurde schlechter. Sie ernährten sich von Gemüse und Getreide und litten unter Mängeln, während die Männer Fleisch aßen, eine Quelle der Muskelkraft. Der Sexualdimorphismus nahm auch zu. Die Frauen waren kleiner als die Männer und schrumpften. Der Anthropologe Tamas David-Barrett führt diese Veränderung insbesondere auf die Sesshaftigkeit auf urbarem Land und um die Herden der bäuerlichen Züchter herum zurück.

Diese Negativentwicklung ist umso überraschender, als die Landwirtschftsrevolution generell positiv bewertet wird. Die Erwärmung und die fortschreitende Regularisierung des Klimas ab dem Jahr -10.000, ermöglichten die Ausübung der Landwirtschaft. Doch mit der Bindung an materielle Güter, die verteidigt werden mussten, hat der Mensch den Krieg erfunden, und die Männer waren besser in der Lage als die Frauen, Wohn- und Arbeitsorte zu verteidigen. Dies galt umso mehr, als die Fruchtbarkeit der Frauen mit kürzerer Stillzeit zunahm, da Kleinkinder Getreidebrei und Tiermilch sehr schnell verzehren konnten. Allerdings starben in der Jungsteinzeit 15 % der Frauen bei Entbindungen, was sie zu vergänglichen Wesen machte, zumal sie ihren Geburtsort verließen, um anderswo zu heiraten, im Gegensatz zu den Männern, die durch Patrilokalität dort blieben, wo sie geboren worden waren.

Heute hat sich etwas geändert. Mit unserer Technologie und Mechanisierung, mit der Veränderung der Essgewohnheiten und der VErhaltensweisen, sowie aufgrund der Verhütungsmethoden verbessert sich die Stellung der Frau, die ihren Beruf wählen kann und entscheiden, wann sie ein Kind bekommt. Sie holt nun den Verlust an Muskelmasse und Kraft auf, ganz zu schweigen von ihren geistigen Fähigkeiten, abgesehen davon, dass es nicht nachweisbar ist, dass es bez. der Intelligenz sexuelle Unterschiede gibt. Es gibt dumme Frauen und dumme Männer und Männer und Frauen, die überdurchschnittlich schlau sind. Die Förderung der Frauen ist jedenfalls heute die große Stärke der entwickelten und freien Länder. (J.-P. Picaper, 11/03/2020)

* Sendung des Kanals ARTE  am 7. März 2020 unter den Titeln "Les Guerrières Vikings" und "Le guerrier était une femme". Autoren Sebastian Peister und David Bartlett. 2019.