Bücher


Martine Lombard.  "Wir schenken uns nichts"
Roman, Mitteldeutscher Verlag 2019

„Wenn sich eine Tür schließt …“
Johanna hat alles im Griff. Eigentlich. Erfolgreich im Beruf – fernab ihrer Heimatstadt Dresden – scheinen ihr die Türen offen zu stehen, zudem ist sie glücklich verheiratet mit einem Mann, der sie anscheinend perfekt ergänzt. Doch als Johanna erfährt, dass ihre jüngere Schwester Alma nun mit ihrem Jugendfreund Felix zusammen ist und ihr in der DDR absolviertes Kunststudium auf Schiebung beruhte, gerät ihr Leben nach und nach aus den Fugen. Beherrscht von Eifersucht, Missgunst, Partnerproblemen, Verzweiflung und Angst verausgabt sie sich beruflich wie privat an der falschen Front.

Martine Lombard erzählt von Geschlechterkampf und weiblicher Konkurrenz in einer männerdominierten Arbeitswelt, von der Macht der Familienbande und davon, wie die Vergangenheit die Gegenwart bestimmt.

 304 S. - ISBN 978-3-96311-126-6 - Verkaufspreis: 16,00 €

Leseprobe

https://www.youtube.com/watch?v=oB__l1fYrKw

 Pressestimmen

„Ein Buch für Leser*innen, die sich auch an ungewöhnliche, andersartige oder auch ungewohnte Geschichten wagen wollen.“ Monika Abbas, monerl.de

„Mit präzisen Beschreibungen, getragen von einer elementaren Kälte folgt Martine Lombard ihrer Heldin durch alle Untiefen ihres sich selbstverzehrenden Charakters.“ Thomas Podhostnik, Textmanufaktur

„Bei allem Realismus scheint eine abgründige Tradition durch, die an E. T. A. Hoffmann erinnert.“ Gundula Sell, Sächsische Zeitung

„Die Autorin erstellt ein scharf gezeichnetes Bild der immer noch unterschiedlichen Vorstellungen in Ost und West.“ ekz Informationsdienst

„Ein Roman, der mit Mut geschrieben wurde. Die Ereignisse greifen ineinander, so dass eine Vielschichtigkeit entsteht, die eine auf den ersten Blick einfache Geschichte tiefsinnig werden lässt. Ich finde es besonders gelungen wie die Protagonistin gleichzeitig aufgebaut und demontiert wird und wie sie trotz aller „Falschspielerei“ nicht die Sympathie des Lesers verliert.“ Nora Spiegel, Autorin

Autorin

https://www.literaturport.de/Martine.Lombard/

http://www.martine-lombard.eu/

Selbstporträt „in Ton“, erstellt für das Künstlerinnenprojekt POTENZIALE in Karlsruhe, 2019:

https://soundcloud.com/gedok-potenziale/martine-lombard

Nächste Lesung: 11.07.2020, 17.00 Uhr, Literaturhaus Freiburg


Matthias Bath (Hrsg.). « MAUERFALL . 25 und eine Erinnerung an dieNacht des 9. November 1989“. Mit Beiträgen von Siegmar Faust, Detlef Kühn, Patrick Neuhaus, Michael Böhm, Jörg B. Bilke u.a... Neuhaus Verlag Berlin. Nov. 2019. www.neuhausverlag.com

Der Fall der Berliner Mauer hat sich am 9. November 2019 zum 30. Mal gejährt – einer der wirkmächtigen und symbolhaften historischen Momente der jüngsten deutschen Geschichte. Aus diesem Anlass erinnern sich für diesen vorliegenden Band Zeitzeugen aus Ost und West an das Ereignis. Ihre persönlich gehaltenen und teils fesselnden, teils nachdenklich stimmenden Beiträge  spiegeln die Vielfalt der individuellen Prägungen, Schicksale, Haltungen und Wege vieler Deutscher jener Zeit wider, auf welche bald die staatliche Einheit der Deutschen folgte. 

„Bei vielen Älteren, die das erlebt haben, schreibt der Autor, beginnen die eigenen Erinnerungen zu verblassen oder zumindest unschärfer zu werden. Auch leben schon längst nicht mehr alle Zeitzeugen und in den kommenden Jahren ist mit einer weiteren Lichtung  ihrer Reihen zu rechnen. Deshalb ist jetzt nach 30 Jahren der richtige Zeitpunkt, die noch abrufbaren Erinnerungen in ihrer Vielfalt zu dokumentieren und damit einem drohenden überlieferungs- und Erinnerungsverlust vorzubeugen“.

Die DDR hatte in den 80er Jahren den Rand des Abgrunds erreicht und wäre schon längst nicht mehr lebensfähig gewesen, wenn die Bundesrepublik Deutschland kein Geld in die Armutzone zwischen Elbe und Oder hineingepumpt hätte, sei es mit dem Franz-Josef-Strauss-Kredit vom Anfang dieses Jahrzehnts wie durch den Kauf von politischen Häftlingen zu hohen, willkürlichen pro Kopf-Preisen. Hinzu kam, dass die unfähige sozialistische Wirtschaftsführung den Lebensstandard, die Exporte-Importe, die Immobilien und Straßen in den Ruin trieb. Seit dem Selbstmord des Plankommissars der DDR Erich Apel in den 60er Jahren, der ähnlich wie Liberman in der UdSSR,  liberale Wirtschaftsanreize hatte einfuhren wollen, hatte die DDR-Wirtschaft nie gedeihen können

Schließlich war die sklerotische Berliner Parteiführung in Moskau in Ungnade gefallen. Vor der Öffnung der Berliner Mauer war der Besuch Gorbatschows in Ostberlin anläßlich der Begehung des 40. Jahrestages der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989 ein Wendepunkt gewesen. Nach dem traditionellen Aufmarsch auf dem Marx-Engels-Platz fand eine Feier im Palast der Republik statt, im Berliner Jargon „Erichs Lampenladen“ genannt, wo die SED-Parteielite den russischen SU-Generalsekretär empfing. Als die Straße sichtbar wurde, wo Jugendliche unter den Schlägen der Volkspolizei demonstrierten und „Gorbi“ zur Hilfe riefen, beschloss dieser das Fest zu verlassen mit dem Vorwand, dass sein Flugzeug ihn erwartete. Der Saal leerte sich. Kaviar und Krimsekt blieben liegen.

Daher der Witz: „Erich mach das Licht aus!“. Die DDR geriet nicht auf den Misthaufen der Geschichte, wie Karl Marx es formuliert hätte, aber in die endlose Nacht gescheiterter, ungeliebter Staaten.

François Abel, Charly Damm. Strasbourg. Der Schlüssel zu Europa.

Was für einen schönen Einfall der Stiftung für Straßburg und des Straßburger Verlags Editions du Signe, ein Buch veröffentlicht zu haben, das in Form eines Comic Strip, anders gesagt mit Bildern und Dialogen, die Geschichte der elsässischen Metropole erzählt. Offensichtlich richtet sich dieses farbige mit fest kartoniertem Einband versehene Buch, das sich ebenso handfest wie Sandstein aus den Vogesen sich anfassen lässt, vor allem an die Schulkinder, aber es ist nicht weniger eine Quelle von Informationen für die älteren Zeitgenossen. Die Seiten sind nicht numeriert, aber anstelle von Nummern reihen sich die großen Kapitel der Geschichte aneinander, alle Seiten sind oben mit Epochenbezeichnungen und Jahresdaten in Klammern gekennzeichnet.

Vor dem Hintergrund der netten und lebhaften Zeichnungen von François Abel - im Wesentlichen sind es malerische, zueinander redenden Figuren - bringt der Text von Charly Damm enorm viele Informationen, die, wollen wir mal wetten, Sie möglicherweise noch nicht kennen. Bereits auf der ersten Seite etwa stoßen wir auf eine Frage, die sich sonst niemand stellt: Wussten Sie woher das Wort „Rhein“ herrührt? Öffnen Sie diese Seite, Sie werden es erfahren. Es ist ganz einfach und einleuchtend. Ein bißchen Urgeschichte, etwas Altertum und viel Mittelalter füllen mehr als die Hälfte des Buches aus und machen die lange Vergangenheit dieser anfangs römischen Stadt anschaulich, die am Kreuzweg lag, wie der Name sagt. Sie erlebte blühende Zeiten und schreckliche Katastrophen, die meist mit bewaffneten Konflikten zu tun hatten.

Was mir auch auffiel, ist die Tatsache, dass nichts verschwiegen wird, die dunklen Seiten der Geschichte eingeschlossen, z. B. der Dreißigjährige Krieg, der Straßburg erfasste, aber von den Franzosen kaum bekannt ist, oder auch die Guillotine der französischen Revolution, die man gerne verdrängen möchte, ganz abgesehen vom Reichsarbeitsdienst für die Mädchen und die Zwangsrekrutierung in die Wehrmacht für die jungen Männer ab 1942. Denn die elsässische Geschichte war nicht stets rosarot. Und daraus entspringt vielleicht auch ihr Reichtum, das die Schmerzen, falls sie nicht töten, die Klugheit erweitern und das Pendeln zwischen zwei Staaten und drei Kulturen, der elsässischen zuerst, dann der deutschen und der französischen, die Anpassungsfähigkeit verstärkt. Es war in der Tat wichtig, an diese riesige Vergangenheit Straßburgs zu erinnern, die eine der ersten Freistädte Europas war, eine der ersten, die sich gewaltsam von den bösen Lehnherren und von einem schlechten Bischof befreite. Das erklärt auch, warum die Bürger von Straßburg stolz und widerspenstig sind.

Nichts fehlt und man sagt sich bei jeder Seite: „Na, so war das? Habe ich nicht gewusst. Ich hatte davon gehört, aber wusste es nicht genau“. Der Vorteil der Comics besteht darin, dass sie die Geschichte wie einen sich abspielenden Film in die Köpfe hineintragen. Denn es ist wichtig, die Ereignisse und die Epochen in deren Zusammenhang und deren Verlauf wieder einzureihen, besonders in unserer Kultur, die von Moment zu Moment, von Momentaufnahme zu Momentaufnahme rennt. Was bedeutet, dass dieses Buch unter den Kindern und Heranwachsenden Berufungen zum Historiker wecken kann. Oder auch zum Sprachwissenschaftler oder Philologen, da die deutlich identifizierbaren Personen, die diese Story bevölkern, auch Bruchstücke mit Lokalkolorit des elsässischen Dialekts in den Mund nehmen, die jeder Deutsche verstehen kann, wenn sie auch manche Straßburger heute leider vernachlässigen.

Es wird schon auf der Titelseite mit der Formel „E komischi Gschicht“ veranschaulicht. Das ist die komische Geschichte, die uns ein Liebespaar erzählt, das die Autoren hervorragend auserwählt haben: Die schöne Liesel, deren Standbild in der Straßburger Grünanlage der Orangerie, unweit des Europaparlaments steht, und der römische Handwerker Publius Modestus, dessen Grab im Jahre 2016 von Archäologen entdeckt wurde. Was manchmal in der Geschichte für Straßburg ein Unglück war, und zwar seine Mittellage zwischen zwei Ländern, die sich eingebildeten hatten Erbfeinde zu sein, ist heute zum Glück und Chance der elsässischen Regionalhauptstadt geworden, die zum Bindestrich zwischen Deutschland und Frankreich und zum Leuchtturm Europas geworden ist. (Jean-Paul Picaper).

Verlag Éditions du Signe. 1 rue Alfred Kastler, 67038 Strasbourg Cedex. 2016 oder BP 10094 Eckbolsheim. www.editionsdusigne.fr. Tel.0033 (03) 88 78 91 91. Preis:16, 90 €. 

Die Lebensgeschichte eines Deutsch-Franzosen

Peter Garcia. Franzosenbalg. Völker sind zum Mischen da. 

Die Lebensgeschichte des Autors ist ein Roman. Nicht jeder hat das Glück, dass sein Dasein Buchniveau hat. Sein Bericht darüber liest sich wie ein Roman. Der Stil ist flüssig und lebensnah, er macht komplexe Sachverhalte verständlich, der Ton ist – die Jahre sind verflossen – distanziert aber manchmal leidenschaftlich und entrüstet, aber immer mitreißend. Es ist spannend, man will wissen, was noch kommt. Kurzum hat er ein Buch verfaßt, das einem nicht aus den Händen geht, bis man schlußendlich weiß, wie die Suche nach dem unbekannten Vater ausging und was daraus wurde, denn Peter Garcia, geb. 1946 ist eines der „Besatzungskinder“, dessen Väter nach der Zeit unter der französischen Fahne im besiegten ehemaligen Deutschen Reich, in seine Heimat entlassen worden war, ohne zu wissen, dass er einen Sohn in Deutschland hinterlassen hatte. Wie der Autor (S. 13) schreibt waren diese Hunderttausende von „Mischlingen“ „Früchte der Liebe, der wirtschaftlichen Not und des Nachkriegsmangels an deutschen Männern, oft aber auch der sexuellen Gewalt“.

Die Reihenfolge sollte m. E. in den ersten Jahren umgekehrt gewesen sein. Dabei hatte Peter trotzdem das Glück, ein Kind der Liebe zu sein: „Wir haben uns innig geliebt“, gestand ihm seine Mutter, als er 14 Jahre alt war und von seiner Herkunft erfuhr Dieser Punkt ist bei Kriegskindern, wie wir in unzähligen Gesprächen festgestellt haben, entscheidend. Ein Abgrund trennt die Kinder der Gewalt von denjenigen der Liebe, sei die so genannte Liebe auch nur ein kurzer Flirt gewesen. Niemand will aus einer Vergewaltigung hervorgegangen sein, und über die Emotionen hinaus wollen viele der Nachfahre eines Unteroffiziers, ja eines Offiziers, oder zumindest eines anständigen Staatsbürgers in Uniform gewesen. Die Mutter von Peter beschrieb den Vater als einen netten Typ, der gut Trompete spielen konnte, fröhlich und gut aufgelegt war und sein Leben aufs Spiel setzte, als er Nachts zu ihrem Zimmer kletterte. Riskant war das Unternehmen nicht nur, weil das Kraxeln gefährlich war, sondern auch, weil die Generäle Eisenhower auf amerikanischer und Koenig auf französischer Seite die „Verbrüderung“ mit Deutschen (also Kontakte mit deutschen Frauen) nicht allein wegen der Spionage- und Bestechungsgefahr strikt verboten hatten. Auch der Seite der Alliierten herrschten rassistische Vorurteile. Es ist merkwürdig, dass die Besatzungsmächte gegen den Rassismus nicht immun waren, den sie den Deutschen vorwarfen Sie hatten den Spieß umgedreht.

Auf einem einzigen erhaltenen Foto konnte Peter später sehen, dass sein leiblicher Vater gut aussah. Er hatte ein ausgesprochen smartes, südländisches Gesicht, eine auffällige Ähnlichkeit mit ihm und kam aus einer wohlhabenden Familie. Er war ein waschechter Franzose spanischer Abstammung. Peter Rösler hätte eigentlich Peter Garcia nach dem Namen seines Erzeugers heißen sollen, eines französischen Soldaten mit spanischem Namen aus der Stadt Oran in Algerien, die damals zu Frankreich gehörte. Was aber das Nutzen seines Buches erweitert, ist die Tatsache, dass Peter sprachbegabt war, mehrere Sprachen, insbesondere Spanisch und Englisch, später Französisch lernte und sich damit ferne Horizonte hauptsächlich in Lateinamerika erschloss. Der Faden seines Lebens zieht sich durch die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland von der Nazizeit, wovon er viel mit bekam, bis heute. Sie stellt den globalen Rahmen seiner eigenen, für die Zeit kennzeichnenden Erfahrungen dar. Er beschreibt aber stets seine Erlebnisse nicht aus der Perspektive der Professors und Historikers sondern aus der Froschperspektive eines „enfant maudit“, eines „Kindes der Schande“, den seine schwere Kindheit widerstandsfähig gemacht hat und der sich intensiv nach den Hintergründen und Zusammenhängen informierte, um seine eigenen Erfahrungen zu hinterfragen und zu untermauern.

Die Kinder der Gewalt sind nach meinem Dafürhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit im deutschen Südwesten, wo Peter seine ersten Schritte tat, zahlreicher als diejenigen der Liebe gewesen. Wie oft, und eigentlich noch in diesem Jahr 2016 von einem zufälligen Gesprächspartner in Feldberg-Bärental, hörte ich : „Ach, mein Vetter ist Franzose. Na ja, seine Mutter wurde von einem französischen Besatzungssoldaten geschwängert“. Im Gespräch stellt sich dann heraus , dass es ein Fall von Vergewaltigung war. Auf meine Frage, ob ich mit diesem Vetter, oder Freund, oder Onkel, sprechen kann, kommt meist die Antwort : „Nein, er hat es verarbeitet. Er will nicht mehr darüber reden“. Ich bin nicht sicher, dass die Verarbeitung je beendet werden kann. Meist wurden diese Vergewaltigungen, heißt es in Frankreich, wo auch kaum darüber gesprochen wird, von nordafrikanischen Stoßtrupps, von Arabern also, begangen. Echte Franzosen werden das sicher nicht getan haben. Aber Stammfranzosen werden doch auch dabei gewesen sein, denn die Frau als Kriegsbeute, das hat bei allen Völkern Tradition. Heute noch sind die Bayern im Durchschnitt zwei Zentimeter kleiner als die Norddeutschen und haben oft trotz ihrer blauen Augen ein schwarzes, krauses Haar, da Bayern vor fast 2 000 Jahren von der römischen Legio Syriaca besetzt wurde.

Peter Garcia hat spanisch-südländisch ausgesehen und litt als Kind nicht nur wegen seiner Herkunft als „Franzosenbalg“ sondern auch wegen seines (im Grunde guten) exotischen Aussehens. Verstärkend war die Gene seiner Mutter, die als Kind ähnlich wie er aussah und der andere Kinder in der Hitlerzeit mit der Beschimpfung „Judd“ nachliefen. Dabei war ihr keine jüdische Abstammung nachzuweisen. Auf vielen Seiten beweist Garcia sachkundig, das die Deutschen keine „Aryer“ sondern ein Völkergemisch sind. Als beinah Ebenbild seines echten Vaters, wie es sich später herausstellte, wurde er von deutschen Kindern gehänselt und geschlagen, die ihn ebenfalls als Juden beschimpften. So lebendig und festgesetzt war damals noch die NS-Propaganda bei vielen Zeitgenossen trotz der fotografisch und filmisch dokumentierten Information der Alliierten über die Massenverbrechen des Dritten Reiches. Dass ein Schleier des Schweigens und der Schande darüber geworfen worden war, macht das Zeugnis von Herrn Garcia historisch kostbar. Zum Glück haben die 60er und 70er Jahre, insb. mit den Auschwitz-Prozessen und mit der allmählichen Rehabilitierung Stauffenbergs und seiner Freunde für die Bundesrepublik wie eine zweite Aufklärung gewirkt. Aber kaum jemand erinnert sich noch an diese ersten 40er und 50er Jahre, als im Lehrkörper, in der Beamtenschaft, in der Polizei und Armee, Personal aus Hitlers Zeiten das Sagen hatte, zwar zur Republik als Versorgungsinstanz stand, aber stillschweigend einer ganz anderen Weltanschauung noch nachhing. Meine ersten Besuche in Deutschland fanden in den 50er Jahren statt. Ich kann das bestätigen. Ich erlebte andererseits auch das Gegenteil, eine große Sehnsucht nach Europa, nach Freundschaft mit den Franzosen ohne Überheblichkeit. Von alledem berichtet Peter Garcia anhand von persönlichen Erlebnissen als Kind und als junger Erwachsener anschaulich und ausführlich.

Uns interessierten seine Nachforschungen zur demographischen Problematik der „Kriegskinder“. Die Zahlen sind wichtig und beeindruckend. Peter Garcia schätzt auf 400 000 die zwischen 1945 und 1955 zur Welt gekommenen Kinder aller Besatzer (Seite 13) und die Wehrmachtskinder in den vom Dritten Reich vor 1945 besetzten Gebieten auf 2 Millionen insgesamt (S. 14). Sicher sind die „Russenkinder“ dabei zahlreich vertreten, soweit die Mütter im April-Mai 1945 in Berlin und Ostwärts nicht ihr Leben verloren haben oder sich dieses nicht genommen haben.

Uns interessieren auch die „Mischlinge davor“. In unserem Buch „Die Kinder der Schande“ (Piper, 2004) haben wir die Zahl von ca. 200 000 französischen Kindern genannt, die von deutschen Wehrmachtssoldaten mit Französinnen von 1940 bis 1944 in Frankreich gezeugt wurden. Wir haben dort auch ein Paar Fälle von „Besatzungskindern“ nach 1945 herausgearbeitet, die Ähnliches wie Peter Garcia erlebt haben. Aber die Zahl der im Deutschen Reich von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zwischen 1940 und 1945 gezeugten Kinder wird wohl nie bekannt sein.

Die Wissenslücke betrifft insbesondere die mit deutschen Frauen gezeugten Kinder der französischen Kriegsgefangenen und französischen Zwangsarbeitern (STO), die Thema unseres anderen Buches „Le crime d’aimer“ (Syrtes, 2005) sind. Wir haben sie wegen der großen Zahl von Menschen, die uns in Deutschland darauf angesprochen haben, auf mehrere Zehntausend geschätzt. Trotz der Drohung mit öffentlicher Anprangerung, mit Gefängnis und manchmal mit der Todesstrafe, insb., wenn der „GV“-Täter (GV im Strafrecht damals: Geschlechtsverkehr) Russe oder Pole war, setzten sich viele über das Verbot hinweg, zumal fast 20 Millionen deutsche Männer an die Front abkommandiert worden waren und Ersatz gefragt war.

Das ist nicht Garcias Thema aber die Übertragung des Feindbildes auf die unschuldigen Nachfahren des Feindes ist universal und stellt ein grosses Problem des Umgangs der Menschen untereinander nach Kriegen dar. Das Erstaunliche dabei besteht darin, dass die Kinder der Feinde ebenso wie die Kinder der Verbündeten verachtet und drangsaliert werden, wenn die Feindschaft in Freundschaft mutiert, als ob es eine Weile dauern müsste, bis die Menschen ihre Einstellungen ändern. Viele können sie nie ändern. Es ist auffällig, wie zäh und nachhaltig der NS-Geist in den 50er Jahren in Deutschland war. Aber auf der anderen Rheinseite spukte das Gespenst des Erzfeindes immer noch. Im Jahr des deutsch-französischen Elysée-Vertrages sagte eine alte Tante meiner Mutter, als ich eine Deutsche heiraten wollte: „Was werden sie denn während des nächsten Krieges tun“. Es hat grosse Anstrengungen gekostet, diesen Ungeist auszumerzen, der ab und zu noch auftaucht.

Ab 1947-48, spätestens ab der Berliner Blockade, wurden die ehemaligen Sieger nicht mehr als Besatzer sondern als Verbündete betrachtet. In den 60er Jahren, als ich meine Wehrpflicht bei der französischen Schutzmacht in Berlin absolvierte, hatte sich die Stimmung total gewandelt. Französische Offiziere heirateten Westberlinerinnen und die Militärregierung im französischen Sektor von Berlin beschäftigte Deutsche als Fahrer, Köche und Gärtner, aber auch als Übersetzer, Dolmetscher, sogar Redakteure, die Zugang zu relativ vertraulichen Angelegenheiten hatten.

Der kalte Krieg hatte wie eine kalte Dusche gewirkt. Plötzlich ging es nicht mehr um NS-Rassenselektion und Gleichschaltung sondern um Klassenkampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Diese ideologische Krise der 68er hat Peter Garcia mit allen ihren Entgleisungen und Exzessen hauptsächlich in England durchgemacht, wo ihm ein Guru und Profiteur des generellen Linkstrends in Gestalt des vielseitigen „Ivan“ begegnete. Peter hatte die Kraft und das Glück, den Mann zu durchschauen und darüber zu schmunzeln. Aber es dauerte, bis er sich von diesem Milieu auch in Deutschland in der KP sich davon loslösen konnte. In Essen (zum Glück nicht mit Rudi Dutschke oder Ulrike Meinhof zusammen) wurde ihm die KP allmählich lästig und die DDR zeigte sich ihm unter ihrem wahren, hässlichen Gesicht. Dort machte Kommunismus offensichtlich keinen Spass.

Eine der wichtigsten Stellen des Buches ist der Moment, wo ihm nach einem Buchenwald-Besuch die Frage gestellt wird, wie er sich im Dritten Reich verhalten hätte (S. 137). „Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht“, lautet seine Antwort. Das ist für ihn charakteristisch. Diese „Beichte eines Kindes des Jahrhunderts“ beruht auf Offenheit und Ehrlichkeit. Dass er sich mehrere Male hat verblenden lassen, das gibt er zu. Aber der Realismus hat immer die Oberhand gewonnen. Auch bei seinen überzähligen Verhältnissen mit Frauen aller Farben und Nationalitäten, denn Garcia war (vielleicht wie sein Vater) doch irgendwie ein Abenteurer und Herzensbrecher, war er letztendlich immer Realist und machte Napoléons Spruch wahr, dass in der Liebe die Flucht ein Sieg sein kann, bis er beschloss sesshaft und treu zu werden. (JPP)

Eckhaus Verlag. Reihe Geschichte. Weimar. 2016. ISBN 978-3-945294-11-6. 272 Seiten. 14,80 €. E-Mail: post@eckhaus-verlag.de, Tel.036 43.4579380.

Massenmigration als Waffe

Kelly M. Greenhill. Massenmigration als Waffe. Vertreibung, Erpressung und Außenpolitik. 

Kaum hatte die Autorin den Schlußpunkt zu diesem epochalen Buch gesetzt, da erhielt ihre These eine brisante Aktualität. Nicht die Herkunftsländer der Flüchtlinge, Syrien, Afghanistan, Eritrea und die vielen, verschiedenen Staaten der Subsahelzone in Afrika setzten Europa unter Druck, sondern Etappenstaaten wie die Türkei und Libyen, soweit man im zweiten Fall noch von einem Staat reden kann. Durch einen Vertrag, der mit den EU-Partner nicht abgesprochen, oder zumindest nicht im notwendigen Ausmaße abgesprochen worden war, wurden von der deutschen Kanzlerin Zugeständnisse an Ankara gewährt, wovon der „Statthalter aller Türken“ und Möchtegernherrscher „aller Moslems“ Recep Tayyip Erdogan in den letzten Jahren nie hätte träumen können.

Unter der Bedingung, dass sie als Verwalter eines Durchzugslandes den Menschenstrom in Richtung Europa zurückhalten, erhielten Präsident Erdogan und dessen inzwischen hinausgejagter Ministerpräsident Davutoglu weitgehende Versprechungen in Sachen EU-Beitritt und noch dazu 6 Milliarden Euro. Gegenüber der Türkei „schwankt der Kurs der Kanzlerin seit Jahren zwischen Ablehnung und Anbiederung, sagte Alexander Graf Lambsdorff der Tageszeitung Die Welt am 21. Mai 2016. Als CDU-Vorsitzende lehnt Angela Merkel einen EU-Beitritt der Türkei konsequent ab. Jetzt plötzlich aber treibt sie in der Flüchtlingskrise die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei zur EU voran“. Der stellvertretende Präsident des EU-Parlaments fügte zutreffend hinzu: „Die EU hat ein praktisches Interesse daran, dass die Flüchtlingszahlen dauerhaft zurückgehen. Erdogan hat ein praktisches Interesse daran, dass sein vollmundiges Versprechen einer Visafreiheit für seine Staatsbürger in der EU auch eingelöst wird“.

Inzwischen ist diese letzte Offerte an den Türken um Monate verschoben worden, aber irgendwann einmal müssen doch die detutchen Versprechen von der EU eingehalten werden, will man nicht, dass der Zustrom aus Nahost und aus sonstwoher nicht wieder in einem Ausmaße wie im Jahr 2015 anschwillt. Dabei heißt es, dass Erdogan eine Selektion zwischen den Flüchtlingen vornimmt, die er behält und denjenigen, die er wohlbehütet in Flugzeugen zu uns schickt. Man hört, dass er die Gebildeten unter ihnen für sich behält und die Analphabeten nach Europa schickt. Das ist aber nur einTeil der Wahrheit: Er behält für sich auch Arbeitssklaven, vor allem Kinder, die in seinen Produktionsstätten unter menschenunwürdigen Bedingungen und für einen kargen Lohn schuften.

Erdogan verdiente sich mit der Migrationswaffe einen Spitznamen als "der Erpresser vom Bosporus". Seine Glaubensgenossen auf der anderen Seite des Mittelmeeres, die Daesh-Kämpfer in Libyen, praktizieren eine ganz andere Auslese, und zwar massakrieren sie die Christen und Andersgläubigen unter den Flüchtlingsmassen, für die Libyen eine Zwischenstation nach Europa ist, und schicken uns über das Mittelmeer die fromme Moslems. Dass Tausende pro Jahr dieser Unglückseligen ertrinken, stört niemand an der Südküste des Mittelmeeres. Hauptsache der größere Teil landet in Italien und erhöht die Last, die Europa erdrückt. Die Bundeskanzlerin hat leider das Greenhill-Buch offensichtlich nicht gelesen. Sonst hätte sie sich selbst vielleicht nicht in diese Sackgasse hineinmanövriert. Vielleicht. Sicher ist es nicht. Denn sie wie viele Politiker tragen Augenklappen, geht es um die eigenen Fehler.

Frau Greenhill, die Autorin dieses außergewöhnlichen Buches, lehrt Staatskunde an der Universität Tufts (USA). Sie ist Forschungsstipendiatin am Belfer Center for Science and International Affairs an der berühmten Universität Harvard. Sie hat eine ganze Reihe beeindruckender Diplome gesammelt, darunter einen Bachelor of Arts mit dem Prädikat summa cum laude in Politikwissenschaften und Skandinavistik in Berkeley. Ihr Thema konnte nicht aktueller und anschaulicher werden als an der „Willkommens“-Politik von Angela Merkel. Sie hat den Fehler unserer Zeit begangen, indem sie Realpolitik durch christliche und humanistische Werte ersetzte, die fremde Mächte gegen umdrehen können, um deren Anhänger abhängig ja sogar untertan zu machen. Genau das ist Frau Merkel in Sachen Migrationspolitik passiert, wenn man es auch in ihrer Umgebung zu kaschieren versucht.

Immerhin ist es der CSU aufgefallen. Aber was können die Bayern in einer grossen Koalition? Wie Frau Greenhill es schreibt, ist die Migrationsgefahr die höchste unserer Zeit. Zehntausende strömen heute in die Europäische Union und nach Deutschland ein, schreibt sie, aber diese Zahlen sind vergleichsweise gering angesichts der Größenordnung wetweiter Flüchtlingszahlen – erschreckende 60,5 Millionen sind es laut den im Juli 2015 veröffentlichten Zahlen des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen. Zwei Drittel von ihnen sind innerhalb ihres Landes unterwegs aber ein Drittel flieht grenzüberschreitend.

Dabei könnte es noch viel schlimmer werden als in diesem Buch dargestellt, wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Afrikas nach heutigen Prognosen in den 2050er Jahren zwischen 2 bis 3 Milliarden Menschen liegen wird, um 4,2 Milliard 2100 zu erreichen. Was passiert, wenn der Klimaumschwung die Bevölkerung breiter Gebiete in Afrika mit Hungersnot, Wassermangel und den dadurch geförderten Gesundheitsschäden plagt?

Es könnte geschehen, dass Europa an Armut stirbt, weil sie sie nicht ernähren und pflegen kann oder wie damals die Indianer Amerikas von von den Migranten importierten Seuchen dezimiert wird. Ganz abgesehen vom Kulturwandel durch die Verbreitung der islamistischen Religion, da die grosse Mehrheit des Migranten Moslems ist. Darüber wird geschwiegen. Experten denken nach. Aber Lösungen sind nicht in Sicht. Kelly Greenhill hat diese Problematik nun anders angepackt und zeigt uns, wie Erpresser jeder Couleur sich dieses neuen Phänomens bedienen können, um uns in die Knie zu zwingen. Offensichtlich haben unsere Politiker das Problem nicht so gesehen. Sonst wäre der Erpressungsvertrag mit der Türei nie unterzeichnet worden.

Dei Autorin traut sich den Begriff „Waffe“ zu verwenden, wobei hier Menschenmassen, darunter viele Frauen und Kinder, als Waffen, wohlgemerkt nicht im Sinne des bekannten „Kanonenfutters“ sondern als unfreiwillige Vernichtungswaffen eingesetzt werden. „Weapons of Mass Migration“, schrieb die Autorin in Ihrer Muttersprache. Ein christlicher Priester aus dem Libanon sagte es uns einmal noch deutlicher: „Die Menschheit hat zwei Massenvernichtungswaffen erfunden: Die Atombombe und den Islam“, wobei der Islam unter Umständen ein Epiphänomen ist. Die Masse tut es. Mit oder ohne diese Religion.

Auf den 429 Seiten dieses Buches wird historisch und geographisch das Phänomen Migration der überzähligen und entwurzelten Völker politisch, ökonomisch und kulturell unter die Lupe genommen, wobei man erfährt, das dadurch Staaten vernichtet wurden und andere wie entstanden. Nicht nur in Europa, denn andere Kontinente in Amerika, Asien, Australien, werden in die Untersuchung einbezogen. Die Autorin geht ins Detail, Bootsflüchtlinge, Erstürmung von Botschaften, Anschläge, usw. werden Fall nach Fall mit Namen, Zahlen und Landkarten untersucht, wobei es sich wohlgemerkt um eine unpolemische, sachliche und wertfreie wissenschaftliche Arbeit handelt, die man keineswegs von der Hand weisen kann und die einen Markstein in der Geschichte der praktischen Politikwissenschaft setzt. Dieses Buch muss von allen an unserem Überleben interessierten Menschen gelesen werden und es gehört in die Bibliotheken der Politik-, Soziologie- und Demographeiinstitute, sowie der Bundewehrakademien. (JPP)