Aktuell


Thierry MichelsAufruf des Straßburger Abgeordneten Thierry Michels 

Ich hoffe, dass es Ihnen und Ihren Lieben gut geht und dass Sie die schrittweise Wiedereröffnung der Restaurants, Bars, Parks und Gärten, die diese Woche begonnen hat, sicher genießen konnten.

Ich nutze wie immer meinen wöchentlichen Newsletter, um Ihnen die Hauptnachrichten der Woche mitzuteilen, ebenso wie die Treffen, die ich hatte!

Am Donnerstagvormittag traf ich mich mit Straßburger Ladenbesitzern und Gastronomen, die Mitglieder dem Verein „Die Schaufenster von Straßburg“ sind, um eine erste Bilanz der Aufhebung er Ausganssperre, der Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit und der den Ladenbesitzern vom Staat gewährten Hilfen zu ziehen.

Neben den Fragen im Zusammenhang mit der Gewährung von Beihilfen und der Aufrechterhaltung der Wirtschaftstätigkeit bereiten mir vor allem die Sorgen der Fachleute über das durch die Epidemie verschlechterte Image unserer Region und unserer schönen Stadt Sorge. Nein, das Elsass ist kein feindseliges und verseuchtes Land! Das kann ich Ihnen versichern.

Ich ermutige unsere Landsleute und die deutschen Nachbarn sehr herzlich, in diesem Sommer die Schönheit Straßburgs und seiner Umgebung zu genießen!

Meiner Meinung nach ist es unerlässlich, die Sektoren zu unterstützen, die für die Wirtschaft unserer Euroregion und  für Straßburg lebenswichtig sind, wo der Tourismus als Wohlstandsquelle immer willkommen war! (Thierry Michels, Abgeordneter des 1. Straßburger Wahlkreises im französischen Parlament. Straßburg, 05. Juni 2020)


PANEUROPA ÖSTERREICH BEGRÜßT WIEDERÖFFNUNG DER EU-BINNENGRENZEN

 Mit Freude reagiert die Paneuropabewegung Österreich auf die Nachricht, dass heute, Donnerstag, die österreichischen Grenzen zu den Nachbarländern (außer Italien) wieder geöffnet werden. „Nach den pandemiebedingt notwendigen Beschränkungen kehren wir so ein Stück weit zu dem zurück, was Normalität sein sollte: Dass europäische Bürger innerhalb der EU ohne Kontrolle und ohne Quarantäne reisen können“, betont Paneuropajugendvorsitzender Philipp Jauernik. „Jetzt, wo die Ansteckungszahlen erfreulich niedrig sind, ist es sinnvoll und richtig, die Rolle Europas als Zone der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts wieder sichtbar zu machen. Die Beschränkungen waren notwendig, das Wiederaufmachen ist richtig. Reisefreiheit ist ein Grundrecht, für dessen Aufrechterhaltung wir auch einen starken Außengrenzschutz brauchen.“

Nach den Beschränkungen ein richtiger Schritt Richtung Normalität

Zweifelsohne kann es in einer Krisensituation angebracht sein, Notmaßnahmen zu treffen. Die Covid-19-Pandemie war mit Sicherheit eine solche, wo es darum ging, das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen. „Eine Notmaßnahme ist aber immer nur für eine klar definierte Zeitspanne sinnvoll und muss, um im Einklang mit Grund- und Freiheitsrechten zu stehen, auch wieder aufgehoben werden, wenn sie nicht mehr benötigt wird“, analysiert Stefan Haböck, Paneuropa-Referent für Internationales. „Dass in der aktuellen Situation behutsam vorgegangen werden musste, ist klar und richtig. Die Krise hat aber auch gezeigt, was Abschottung der Staaten in einem vereinten Europa im realen Alltag wirklich bedeutet. Man kann nur hoffen, dass sich die Bürger Europas nun wieder mehr dem Wert der europäischen Grundfreiheiten bewusst sind."

Wirtschaft und Industrie brauchen Entfaltungsfreiheit

Für die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie warnt Rainhard Kloucek, Generalsekretär der Paneuropabewegung Österreich, vor einem Rückfall in interventionistische Konzepte. „Unternehmerische Freiheit ist das beste Rezept für einen neuen Aufschwung. Die Politik setzt hierbei Rahmenbedingungen, schafft Rechtssicherheit und behält die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen im Auge.“

Dazu gehört für Kloucek auch eine Re-Industrialisierung Europas, die es für Unternehmen wieder attraktiv macht, am Standort Europa zu produzieren. Nachhaltiges Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen sind gerade jetzt prioritäre Herausforderungen für Europa. Die Antworten darauf liegen in einem Bekenntnis zum Freihandel, der Vervollständigung des Binnenmarktes und einen Mechanismus, der alle Regulierungen auf ihre Auswirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts abklopft. „Die EU-Vorgaben in den Bereichen Energie, Klima und Rohstoffe müssen gerade jetzt für Wachstum verträglich sein, Versorgungssicherheit garantieren und Innovation fördern“, so Kloucek. (Pressemeldung von Paneuropa Österreich.  Gez. Philipp Jauernik. 4.06.2020 in Wien)


Ungeschützt gesund bleiben

Jeder einzelne Staatsbürger kann aus individueller Erfahrung ein Lied von den persönlichen Einschränkungen singen, die mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Schäden getroffen wurden. Manch einer mag das Ausmaß dieser Einschränkungen als übertrieben ansehen, dass es sie jedoch geben musste, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht ernsthaft und mit keinen überzeugenden Argumenten infrage stellen.  Dennoch kann man in diesen Tagen in Deutschland auf einige Nörgler und Querulanten treffen, die sich einbilden, mithilfe des Grundgesetzes die Pandemie in Schach halten zu können und die gewählten Politiker, die uns vor Gesundheitsschäden schützen, lahm zu legen, damit wir ungeschützt gesund bleiben. Das ist schon ein bisschen paradox. 

In Frankreich, Spanien und Italien waren die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen viel stringenter und enger als in Deutschland.  Doch auch hierzulande wurden sie als störend und behindernd empfunden und sie zeitigten auf Dauer einen Unmut, der den Corona-Leugnern zugute gekommen ist. Verfassungstreue, wohlmeinende Rechtsidealisten, manchmal einfach gutgläubige Staatsbürger, haben deswegen neulich in München, Frankfurt, Hamburg, Berlin, Köln, Dortmund, Hessen und Leipzig, praktisch in den meisten deutschen Großstädten, mit der Absicht demonstriert, dem Abbau der Grundrechte im Namen der deutschen Demokratie entgegenzutreten. Einerseits war das sehr positiv und sprach für die Demokratietreue der Deutschen. Andererseits barg diese Mobilmachung die Gefahr, dass Rechtsextremisten diese Kundgebungen für ihre Absichten instrumentalisieren. 

Bekanntlich erzeugen groß  Krisen oft Irrationalität als auch Irrlehren. Wirrköpfe treten dabei in Aktion. Als die Pest im Mittelalter wütete, wurden Pogrome gegen jüdische Menschen ausgelöst und Scheiterhaufen für angebliche „Hexen“ aufgerichtet, weil man sich unter den klassischen Sündenböcken Verantwortliche für dieses unerklärliche Teufelswerk aussuchte. Heutzutage wird nicht mehr der Teufel herangeholt, aber es werden verschiedene Varianten der Auffassung verbreitet, das Virus sei das Produkt einer oder mehrerer Verschwörungen von hintergründigen Politik- und Wirtschaftsmächten, die es als Werkzeug benutzen, um unsere Freiheiten abzuschaffen und eine Gesundheitsdiktatur,  mit anderen Worten eine Diktatur über den Umweg der Medizin, einzurichten. Manche dieser Demonstranten neigen schon dazu, kurzen Prozess zu machen. So berichtete u. a. die FAZ aus Stuttgart von recht aggressiven Parolen einiger dieser Wutbürger: „Das steht auf vielen ihrer T-Shirts („Stoppt die Corona-Verarsche“, „Die Regierung muss hinter Gitter“, „Systemrelevanter Widerstand“) und auf ihren selbstgebastelten Plakaten. Es geht vor allem gegen Bill Gates, der praktisch auf jedem dritten Schild vorkommt, und gegen die Pandemiemaßnahmen der Regierung, aber auch gegen das „Pharmakartell“, gegen Organraub in China, gegen das Impfen, gegen Massentierhaltung und gegen Mobilfunksmog“.Frankfurter Allgemeine Zeitung » (18.05.2020) « Demos gegen Corona-Beschränkungen“(S.1), „Entsteht da eine Art Pandemie-Pegida?“(S.2)) Fernsehteams wurden drohend umringt und in einem Fall wurden Journalisten tätlich angegriffen und verletzt: „Die Lügenpresse“, die gute Arbeit leistet und für Meinungsvielfalt sorgt, ist eine bevorzugte ZielscheibeSie lässt sich nämlich von der Propaganda nicht täuschen.

„Deeskalationsteams“ bemühen sich noch, die Aktivisten im Griff zu behalten. Eine „Pandemie-Pegida?“, schreibt die „FAZ“... Vielleicht. Die AfD ist wohl auch mit dabei, ebenso wie Kräfte Linksaußen, aber vor allem auch die russischen Agit-Prop-Sender in deutscher Sprache, die in der Pandemie eine neue Thematik gegen den deutschen  Rechtsstaat erfunden haben. Auf ähnliche Art und Weise griffen sie vor eineinhalb Jahr auch in Frankreich ein, um die Demonstrationen der sog. „Gelbwesten“ anzufeuern und mit Argumenten zu füttern. Sie nehmen in Deutschland die Corona-Krise zum Anlass, die Grundrechte als Hebel zu verwenden, um die Demokratie zu destabilisieren. Sie sind so gegenwärtig, so aufdringlich, dass die Bundeskanzlerin Merkel dagegen im Bundestag öffentlich protestieren musste.  (J.-P. P. 20.05.2020)  


Die Corona-Anwältin

Das Heranholen der Werte zum politischen Kampf passt zum deutschen Idealismus. Gleich zum Einbruch der Pandemie hatte die AfD in Deutschland eine obskure Rechtsanwältin aus Heidelberg namens Beate Bahner zur Schutzheiligen auserkoren, die immerhin – lesen wir im Internet – „Fachanwältin für Medizinrecht und Autorin mehrerer Bücher“ ist. 

Die „Corona-Anwältin“, wie man sie auch nennt, die zu Recht oder Unrecht vorübergehend Psychiatrie-Insassin war, hat es sich zum Fach gemacht, die Grundfreiheiten gegen einschränkende Staatsmaßnahmen zu verteidigen. Eine nur scheinbar überwältigende, aber im Grunde leichte Aufgabe, da fast alle Ordnungsmassnahmen, die das Zusammenleben der Staatsbürger erträglich und möglich machen, aus Einschränkungen von Grundrechten bestehen. Man muss allerdings zugeben, dass in unserer Demokratie die Grundrechte  eher zu lax als zu freiheitsbeschneidend angewandt werden. So darf heute jeder Ignorant zu jedem Thema – besonders im Internet – ein Urteil abgeben und Mitmenschen irreführen. Das ist Meinungsfreiheit.  Als Chaoten in Frankreich unter den Gelbwesten Geschäfte demolierten, da wurden die Demonstrationen trotzdem nicht verboten. Das war Demonstrationsfreiheit. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass in Diktaturen alles verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt ist und dass es in Demokratien genau das Gegenteil ist. Und dieses Gegenteil ist sehr grosszügig. Aber Frau Bahner sieht es anders.

Die Skandal-Rechtsanwältin Bahner war am 15. April unfreiwillig und unbewusst,  so ihre Aussage vor Gericht, der Auslöser einer Demonstration von 150 bis 200 Personen, darunter auch ein AfD-naher baden-württembergischer Landtagsabgeordneter, die sich vor dem Heidelberger Polizeipräsidium eingefunden hatten, wo sie unter Anklage stand. Immerhin hatte Frau Bahner selbst den Termin publiziert, sie umarmte etliche Demonstranten und bedankte sich bei Ihnen nach Abschluss ihrer Verhandlung. Inzwischen organisieren diese politischen Kreise Demonstrationen von Hunderten von Menschen, die in Deutschland behaupten, wackere Hüter der erhabenen Freiheit gegen die – inzwischen längst gelockerten – lebensrettenden Ausgangssperren zu sein. 

Die kleinen Einschränkungen der Grundfreiheiten, die die Bekämpfung der Corona-Pandemie erforderlich gemacht hat, waren „die“ Gelegenheit, der Wendepunkt, worauf die Anhänger von Frau Bahner offensichtlich  nur gewartet hatten, um das Umsturzrezept einzusetzen, welches sie herausgearbeitet hatten. Das Rezept ist von einer überwältigenden Einfachheit und kann deswegen erfolgreich sein. Es artikuliert sich folgendermaßen: 

1. Es gibt keine Corona-Seuche, dieses Virus ist nicht schlimmer als eine normales Grippe-Virus, ja sogar eher harmloser. Das war auch die Meinung von Trump, Bolsonaro, Johnson, wohl auch von Putin und Erdogan. Offensichtlich ist es heute, dass sie sich alle getäuscht hatten.

2. Die Pandemie ist eine Erfindung der deutschen Regierung und der von ihnen abhängigen Lügenmedien, um ihre Macht  durch Einschränkungen der Grundrechte zu erweitern. Dunkle Mächte im Ausland, wie Bill Gates, liefern ihnen den Stoff dafür. 

3. Das parlamentarisch-liberale System ist in jeder Hinsicht gescheitert, auch in der Gesundheitspolitik. Nur seine Beseitigung und der Ausstieg aus der EU können eine gute und menschengerechte Politik  möglich machen. 

4. Die Chinesen und die Russen haben ein politisches System, das es ihnen ermöglicht, eine solche Politik zu führen. Besonders die Russen können uns helfen gesund zu werden. Moskau wird das korrupte, morsche, spätkapitalistische und zukunftslose Westeuropa retten. 

Retten oder unterjochen? (ATS mit Wikipedia, 21.05.2020)


Deutschland: Merkel gibt nach – Die Ausgangssperre wurde aufgehoben

Im März und April 2020 erhielt die Bundeskanzlerin einen starken Zuspruch der Deutschen für ihre Anti-Corona-Politik. Eine weit überwiegende Mehrheit ihrer Mitbürger unterstützte sie. Sie hatte sie mit ruhigem Ton und Sachargumenten in die Isolation und Kontaktsperre geschickt. Sie ließ die Geschäfte schließen und brachte das öffentliche Leben fast zum Erliegen. Man hatte geglaubt, sie sei am Ende und würde vorzeitig, also vor der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2021 zurücktreten. Überall wurde der Immobilismus, die Lähmung ihrer regierenden Großen Koalition (Groko) kritisiert. Und plötzlich wurde gesagt, dass sie möglicherweise doch noch für ein weiteres Mandat zu gebrauche wäre. Sie sei die beste Krisenmanagerin der CDU/CSU. Das gelang ihr nur mit der Kraft ihrer Autorität und Einsicht. Überall wurde gesagt, die habe nicht nur las Politikerin sondern auch als Wissenschaftlerin reagiert.  Ihre Ansprachen und Appelle dienten Millionen Menschen als Richtschnur durch die größte Krise seit Jahrzehnten. Sie war wieder die schützende Mutter der Nation, weit weg von Kohls „Mädchen“, das sie vor mehr als 20 Jahren gewesen war.

Die Deutschen waren froh, jemanden zu haben dem sie folgen konnten. Nur dank der freiwilligen Disziplin von Millionen von Staatsbürgern zwischen Ostsee und Alpen, zwischen Rhein und Oder gelang es, die Corona-Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. Nicht wenige Menschen klagen über die Folgen, einige meckern auch, und mancher Wirrkopf wittert gar einen teuflischen Plan hinter der Ausgangssperre – einige Spinner haben sogar eine Gruppe gebildet, die den anspruchsvollen Titel „Widerstand 2020“ trägt. Es ist ein Ort im Internet, wo sich Menschen sammeln, die mit der Situation in der Corona-Krise besonders unzufrieden sind, wo man an die Gefahr das Virus nicht so recht glaubt, dafür aber an Verschwörungstheorien. Sie haben sich als neue Partei zusammengetan, die innerhalb weniger Tage 100.000 Mitglieder gesammelt haben soll. Damit wäre sie größer als Grüne, FDP, Linke und AfD. Früher sagte man „Papier ist geduldig“. Heute kann man sagen „Internet ist geduldig“. 

Mit Ihrem Aufruf an die Deutschen in ihrer geduldigen, sachlichen und menschennahen Fernsehrede vom 18. März 2020 hatte Angela Merkel ihren Platz in den Geschichtsbüchern verdient, wie es ihr davor nicht gelungen war. Man wird dereinst Anerkennung für diese große kollektive Leistung der Deutschen hinter ihrer Kanzlerin empfinden. Es hätte weiter so gehen können, bis das Virus aus Deutschland fast voll ausgemerzt worden wäre, aber drei Faktoren haben die Kanzlerin zu einer Kehrtwende gezwungen und sie dazu bewegt, einer Lockerung der Vorsorgemassnahmen zuzustimmen. Erst ihr Möchtegernenachfolger, Armin Laschet, und dessen Mitbürger aus Nord-Rhein-Westphalen, Christian Lindner,  dann dessen „Vize“ Wolfgang Kubicki aus Kleinkleckersdorf in Schleswig-Holstein und die Herren Weil, Kretschmer und nach und nach immer mehr Ministerpräsidenten, Abgeordnete, Landräte, Kommunalpolitiker und sonstige Titelträger stimmten in den Chor der Lockerungsmeistersänger ein. Einer nach dem anderen pfiffen sie auf die Autorität der Kanzlerin und öffneten Werkstätten, Möbelhäuser, Geschäfte und Sportanlagen, Ferienwohnungen und Campingplätze. Schließlich wechselte ebenfalls der starke Verfechter der strickten Maßnahmen, Markus Söder aus Bayern, die Seite und pries Erleichterungen für Schulen, Kitas, Kultur, Pflegeheime an. Die Kanzlerin, die kurz davor die „Öffnungsdiskussionsorgien" angeprangert hatte und ihrer Sorge vor einer überschnellen Rückkehr in die Normalität Luft gemacht hatte, musste zugeben, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte. Mutti ließ ihre turbulenten Kinder gewähren.

Erne Woche vor Frankreich wurden die Ausgangsperremassnahmen in Deutschland aufgehoben. Man muss einerseits eingestehen, dass die Lage normaler geworden war, wenn auch nicht ganz normal: Anfang Mai 20é0 zählte man in Deutschland bei einer Bevölkerung von 86 Millionen Menschen 167.000 Infizierte Staatsbürger, 135.100 von der Viruskrankheit Gegessene und „nur“ 6.953 Tote bei einer Sterberate von 4,19 Prozent Sterbefälle unter den Erkrankten. Im Vergleich wurden in Frankreich bei einer Bevölkerung von 66 Millionen 137 000 Kranke, 53.972 Genesene und 25.803 Tote. Die vergleichsweise geringere Sterbequote in Deutschland war eine große Leistung. Das Gesundheitssystem war östlich des Rheins offensichtlich viel effizienter gewesen. Dabei war die Reproduktionszahl des Virus höher in Deutschland als in Frankreich gewesen.

Ein weiterer Grund für die Auflockerung war in Deutschland, dass einer McKinsey-Studie zufolge das Bruttoinlandsprodukt um rund 15 Milliarden Euro pro Woche schrumpfte. Der Druck der Unternehmen und Wirtschaftsverbände auf die Regierung in Richtung Aufsperrung wuchs. Und last but not least empfanden viele Menschen den sog. Corona-Blues. Der Frühling kam. Der blaue Himmel, das Gezwitscher der Vögel, die Blumen riefen. Und es hieß, der tödliche Covid-19 traf ja fast nur sehr alte Menschen – also können Jüngere doch wieder unbesorgt draußen shoppen, Sport treiben, ins Restaurant gehen, mit Freunde anstoßen und singen, Urlaub planen, zum Friseur gehen. Ein durchaus menschliches Gefühl und Bedürfnis, aber auch ein gefährliches Gefühl. Es werde "mit großer Sicherheit" eine zweite Corona-Welle geben, mahnte der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Dr. Lothar Wieler, und vielleicht sogar eine dritte Welle aus. Das Risiko bleibt groß, aber die Fliehkräfte sind größer. Der Kanzlerin sind die Zügel aus den Händen entflohen. (J.-P.Picaper. 7.5.2020)

Eine Überlebende von Auschwitz spricht: „Wir wussten, jetzt fahren wir in den Tod“. 

Eine Reportage von Florian Harms

Beim Blick auf das Wetter war der 5. Mai 1945 ein normaler Frühlingstag: Regenschauer in Norddeutschland, Sonnenstrahlen im Süden. Beim Blick auf alles andere war nichts mehr normal: Deutschland war am Ende, Europa war am Ende. Ein ganzer Kontinent verwüstet von Bomben und Granaten, von Mord und Gemeinheit, von Hass und Rassenwahn. In vielen Kellern hocken an diesem 5. Mai 1945 verängstigte Frauen, Alte und Kinder, über ausgebombten Städten liegt eine eigentümliche Ruhe. In seinem Bunker unter der Reichskanzlei hat sich fünf Tage zuvor der Diktator in den Mund geschossen, dem Millionen Deutsche jahrelang zugejubelt haben. Die Rote Armee hat das zerstörte Berlin erobert. In Potsdam stauben noch die Trümmer des britischen Luftangriffs drei Wochen zuvor, einem der letzten dieses Krieges. In Prag erhebt sich der tschechische Widerstand gegen die deutschen Besatzer und entwindet ihnen die Macht. In der Nähe von Linz in Österreich befreien Soldaten der 3. US-Armee das Konzentrationslager Mauthausen. Sie treffen auf ausgemergelte Gefangene, die vom "Volkssturm" und Männern der Wiener Feuerwehr bewacht werden. Die SS-Schergen haben sich schon aus dem Staub gemacht, nicht ohne vorher die Gaskammer zu demontieren. In einer kurzen Schlacht um das Schloss Itter in Tirol kämpfen Wehrmachtssoldaten und amerikanische GIs gemeinsam gegen SS-Einheiten. In der Nähe von München kapituliert die deutsche Heeresgruppe G vor der der 7. US-Armee. In der Flensburger Förde gehorchen deutsche Marinesoldaten Hitlers "Nero-Befehl" und versenken binnen weniger Stunden rund 50 U-Boote, damit diese nicht den Feinden in die Hände fallen. Zeitgleich tritt die von Hitlers Nachfolger Karl Dönitz unterzeichnete Teilkapitulation aller deutschen Verbände in Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden in Kraft. Trotzdem beginnt auf der Nordseeinsel Texel ein ebenso brutaler wie sinnloser Kampf zwischen Wehrmachtssoldaten und Partisanen. Unterschiedliche Ereignisse, die alle zusammenhängen, alle geschehen am 5. Mai 1945: einem Frühlingstag in Mitteleuropa, heute vor 75 Jahren.

Es dürfte den meisten Menschen heute schwerfallen, sich vorzustellen, wie dieser Tag und all die anderen Tage, Wochen, Monate und Jahre zuvor sich angefühlt haben, egal wo und auf welcher Seite der Front. Es leben nicht mehr viele Zeitzeugen, die uns von damals berichten können. Die Stimmen der wenigen, die uns noch erzählen können, sind umso wertvoller. Eindrücklicher als Bücher, Filme, Fotos es jemals vermögen, eröffnen ihre Stimmen uns Einblicke in eine Welt, die uns Nachgeborenen weit entfernt vorkommen mag, die in historischen Spannen betrachten aber nur einen Wimpernschlag zurückliegt. Geschichte wiederholt sich nicht, aber Lüge, Hass und Verbrechen können sich sehr wohl wiederholen. Um das zu verhindern und die Lehren aus der Vergangenheit für unsere heutige Welt zu ziehen, muss man wissen, was damals geschah. Deshalb ist das Erinnern keine Option, sondern eine Pflicht.

Deshalb sollten wir heute Anita Lasker-Wallfisch zuhören. 94 Jahre ist sie alt, aber wenn man sie in ihrer Wohnung in London anruft, weil das Corona-Risiko einen Besuch nicht zulässt, dann tönt am anderen Ende der Leitung eine kraftvolle Stimme. Mit wachem Verstand und klarer Sicht auf die Dinge berichtet die in Breslau geborene Cellistin, was sie in der Nazizeit erlebte. Wie sie zunächst untertauchte, aber dann verhaftet und ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Wie sie im "Mädchenorchester" neben dem Tor mit der Schrift "Arbeit macht frei" Märsche spielen und für den SS-Arzt Josef Mengele Schumanns "Träumerei" intonieren musste. Wie sie von Auschwitz ins KZ Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide geschickt wurde und dort eine weitere Facette des Grauens erlebte. "Es gab einen großen Unterschied: In Auschwitz gab es eine Maschinerie, um so viele Menschen wie möglich schnell und möglichst spurlos zu ermorden. In Bergen-Belsen sind die Leute verhungert, einfach krepiert. Überall Leichen und Sterbende", erzählt sie. "Wir haben einfach dagesessen und darauf gewartet, dass es zu Ende geht." Was sie damals gefühlt habe, wollten mein Kollege Marc von Lüpke und ich von ihr wissen. "Ihre Generation kann sich nicht mehr vorstellen, wie sich das damals anfühlte. Seien Sie froh!", antwortet sie uns. "Das Leben konnte von einem Tag auf den anderen zu Ende sein. Und so lebte man auch nur von einem Tag zum anderen. Ich habe nichts mehr gefühlt. Aber ich habe den ganzen Dreck überlebt!"

Sie hat überlebt, glücklicherweise. Und kann uns manchen Denkanstoß geben. So haben wir genau zugehört, als Frau Lasker-Wallfisch über ihre Sorge sprach, dass heute wieder eine rechte Partei im Bundestag sitzt. Und als sie uns die Frage beantwortete, welche Lehre wir 75 Jahre nach dem Kriegsende aus der Geschichte ziehen können: "Die Menschen sollten miteinander sprechen, bevor sie sich gegenseitig totschlagen. Dann würden wir merken, dass wir mehr gemeinsam haben als uns trennt."

Newsletter von Chefredakteur Florian Harms. „Jeden Morgen wissen, was wichtig ist“. t-online.de – Ströer Group. 05.05.2020)

Eine Überlebende von Auschwitz spricht: „Wir wussten, jetzt fahren wir in den Tod“.  

Am Ort des Grauens musste sie Musik spielen: Anita Lasker-Wallfisch war Mitglied des "Mädchenorchesters" in Auschwitz. Hier erzählt sie, wie sie bis heute gegen Antisemitismus kämpft.

Das Cello rettete ihr Leben: Im Jahr 1943 wurde Anita Lasker-Wallfisch ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, durch Zufall gelangte sie dort ins sogenannte Mädchenorchester. Sie spielte für Häftlinge und die SS-Schergen, später wurde sie ins KZ Bergen-Belsen deportiert.

Nach ihrer Befreiung 1945 wollte sie Deutschland nie wieder betreten – und tat es doch. Wie sie die Schrecken der Konzentrationslager überstand, ihren Hass auf Deutschland überwand und warum sie heute anlässlich des 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs vor dem Internet und der AfD warnt, erklärt Anita Lasker-Wallfisch im Gespräch mit t-online.de:

Frau Lasker-Wallfisch, trotzdem ist der Antisemitismus heute nach wie vor verbreitet. Macht Ihnen das Angst? 

Anita Lasker-Wallfisch: Ja. Millionen Menschen jüdischer Abstammung sind damals ermordet worden, wir gedenken ihrer in diesem Jahr. Zugleich sehen wir mancherorts immer noch antisemitische Umtriebe. Das ist ein Skandal!

Anschläge wie der in Halle sorgen tagelang für Schlagzeilen – aber auch im Internet gibt es viel Hass und Beschimpfungen gegen Juden…

...das Internet ist ein Paradies für Feiglinge, dort kann man andere anonym und ungestraft beleidigen und sich dabei auch noch wohlfühlen. Fürchterlich. Hetzer im Internet müssen identifiziert und bestraft werden.

Sie haben einmal gesagt, der Antisemitismus sei ein "unheilbares Virus". Wie erklären Sie sich, dass er entgegen jeder Vernunft so langlebig ist?

Es ist bisweilen die eigene Unzulänglichkeit mancher Menschen, sie fühlen sich schlecht, und daran muss ja irgendjemand schuld sein. Die Juden stehen da oft an erster Stelle. Wissen Sie, es gibt so viele Vorurteile: Nehmen Sie einen antisemitischen Idioten, der beispielsweise behauptet, alle Juden seien reich. Was natürlich vollkommener Unsinn ist. Aber schon so eine Vorstellung genügt, um zu hassen. Dieser Hass auf Juden ist so alt. Den Antisemitismus hat ja nicht erst Hitler erfunden.

Anita Lasker-Wallfisch wurde 1925 in Breslau geboren. Sie überlebte die deutschen Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen, in Auschwitz war sie als Cello-Spielerin Mitglied des "Mädchenorchesters". Nach der Befreiung ging Lasker-Wallfisch nach Großbritannien. Ihr Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben" fand große Beachtung, im Jahr 2018 hielt sie eine Rede im Deutschen Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Ihre Tochter Maya Lasker-Wallfisch hat jüngst ein Buch über ihr Leben als Kind einer Holocaust-Überlebenden herausgebracht.

Sie selbst mussten brutal unter dem Antisemitismus leiden. Erst kurz vor Kriegsende 1945 sind Sie von britischen Truppen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit worden. Später haben Sie sich geschworen, Deutschland nie wieder zu betreten. Warum haben Sie es dann doch getan?

Es war die reine Neugier. Als Musikerin spielte ich ja im English Chamber Orchestra in London. Wir bekamen jeden Monat eine Art Reiseplan, und im Jahr 1994 standen dann plötzlich die Städte Celle und Soltau auf dem Programm.

Nachbarorte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

Genau. Normalerweise war ich immer entschuldigt, wenn das Orchester nach Deutschland gereist ist. Aber damals kam mir der Gedanke: Ich muss mir einmal anschauen, was aus Bergen-Belsen geworden ist.

Anita Lasker-Wallfisch: 2018 sprach sie zum Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag. (Quelle: Emmanuele Contini/imago images)

Also sind Sie mitgefahren.

Zur Bestürzung der übrigen Orchestermitglieder. Die hatten schon Angst, dass ich mich in Deutschland zu schlimmen Dingen hinreißen lassen würde. Aber ich habe mich gut benommen.

Was ging in Ihnen vor sich, als Sie in Celle ankamen?

Ich wurde sehr auf die Probe gestellt. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, mit keinem Deutschen zu sprechen. Als wir dann aber da waren, hatte sich schon herumgesprochen, dass ich früher im Konzentrationslager gewesen bin. Auf einmal trat ein Mann, ein Einheimischer, auf mich zu und bot an, mich nach Bergen-Belsen zu fahren.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe ihn gefragt, wie alt er ist. Damals war das noch eine brenzlige Frage. Heute sind ja fast alle tot, die uns das früher angetan haben. Aber zur der Zeit war das noch anders. Dieser Mann war allerdings nach dem Krieg geboren worden.

Also haben Sie sich von ihm fahren lassen?

Ja. Obwohl ich selbst schon alles organisiert hatte. Aber damals hatte ich einen Geistesblitz: Sei nicht so dumm wie die Nazis! Dieser Mann war nach dem Krieg geboren, also konnte er kein Nazi sein.

Was ging in Ihnen vor, als Sie wieder das Gelände des früheren Konzentrationslagers betraten?

Ich bin in Bergen-Belsen herumspaziert. Es gibt ja dort diese vielen Massengräber. Dabei habe ich mir eine Frage gestellt: Wie ist es möglich, dass ich noch lebe, während all die anderen Menschen tot sind? In diesem Moment hatte ich einen zweiten Geistesblitz: Noch am Leben zu sein, bringt eine Verpflichtung mit sich: nämlich die Stimme der Menschen zu sein, die dort anonym verscharrt worden sind. Mit diesem Gedanken begann meine "neue" Beziehung zu Deutschland.

Seitdem engagieren Sie sich für die Erinnerung an den Holocaust und gegen Rassismus. Wann haben Sie eigentlich zum ersten Mal bewusst erfahren, dass es Antisemitismus gibt?

Das war im Jahr 1933. Ich war damals acht Jahre alt und besuchte eine kleine Privatschule in Breslau. Eines Tages wollte ich die Tafel abwischen. Da sagte ein Kind zu mir: "Ein Jude darf den Schwamm nicht haben!" Ich war völlig verwirrt, bis dahin hatte ich keinerlei Erfahrung mit solchen Vorurteilen. Also habe ich die Geschichte meinem Vater erzählt, und er erklärte es mir. Allmählich verstand ich, was Antisemitismus ist. Damals fing dieser ganze Dreck mit den Nazis an.

Ihr Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und war dafür ausgezeichnet worden.

Mein Vater ist Frontkämpfer gewesen, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Er war Jurist, meine Mutter Musikerin, sie spielte Geige. Wir waren drei Kinder, drei Schwestern. Bildung und Kultur spielten eine große Rolle bei uns zuhause, am Sonnabend wurden die Klassiker gelesen. Wir waren eine typische assimilierte jüdische Familie, die Religion spielte kaum eine Rolle.

Wie erging es Ihnen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten?

Es ging stetig bergab. Mein Vater hatte aufgrund seines Kriegseinsatzes eine Zeit lang noch ein paar Privilegien. Aber später erhielt auch er Berufsverbot. Und dann verloren wir am 9. November 1938 alle Hoffnung.

In der Reichspogromnacht. 

Ja. Ich war damals in Berlin. Was in der Nacht selbst passiert ist, habe ich gar nicht miterlebt. Aber als ich dann am nächsten Morgen auf die Straße gegangen bin, das war katastrophal.

Was haben Sie gesehen?

Dass können Sie sich nicht vorstellen, wie es draußen ausgesehen hat: Geschäfte waren zertrümmert, auf dem Boden lagen Scherben. Und im Rinnstein stank es nach Alkohol. Die Nazis hatten sich wohl besoffen und Flaschen zerschlagen. Meine Mutter rief verzweifelt aus Breslau an: Ich solle sofort nach Hause kommen!

Alfons Lasker mit seinen drei Töchtern Marianne, Renate und Anita im Jahr 1931. (Quelle: Privatarchiv Maya Lasker-Wallfisch)

Was hatten Sie denn als dreizehnjähriges Mädchen allein in Berlin gemacht?

Meinen Eltern war früh klar geworden, dass die kleine Anita Cellistin werden wollte. Weil es in Breslau aber keinen jüdischen Cellolehrer mehr gab, haben sie mich zu Leo Rostal nach Berlin geschickt, der mich unterrichtete. Nach der Reichspogromnacht war allerdings Schluss damit.

Hat Ihre Familie danach an Flucht ins Ausland gedacht?

Natürlich! Aber es war zu spät. Wir haben richtig Angst bekommen und gedacht: Das geht nicht gut aus! Und so kam es dann ja auch. Meine Eltern sind am 9. April 1942 deportiert worden. Das war ihr Ende. Ich habe später nachgeforscht und in Breslau eine Aufstellung über das "Vermögen" gefunden. Stellen Sie sich vor, dort wurde alles verzeichnet, bevor man deportiert worden ist. Etwa drei Paar Hausschuhe, Wert fünf Mark. Es ist ein Dokument der Schande.

Was geschah mit Ihnen?

Meine Schwester Marianne war zum Glück nach England entkommen. Ich musste mit meiner Schwester Renate dagegen in einer Papierfabrik arbeiten. Was wir da alles angestellt haben!

Bitte erzählen Sie.

Sie müssen wissen, dass wir sehr freche Mädchen waren. Ich habe nie akzeptiert, dass mich irgendwann irgendein Schnösel verhaften und ermorden will. Deshalb haben wir den französischen Kriegsgefangenen in der Fabrik geholfen, Dokumente zu fälschen, die ihnen zur Flucht verhalfen sollten. Die Verständigung war kein Problem, denn wir waren ja zweisprachig erzogen worden.

Es sollte allerdings nicht gut ausgehen.

Wir ahnten, dass wir beobachtet wurden. Also haben wir uns kurzerhand entschlossen, selbst in das unbesetzte Frankreich zu fliehen. Es war eine Idee von Kindern – und weit sind wir auch nicht gekommen. Wir wollten aber nicht warten, bis sie kommen, um uns zu ermorden.

Statt in Frankreich landeten sie beide im Gefängnis.

Was unser großes Glück war. Renate und ich hatten erwartet, nach Auschwitz zu kommen. Stattdessen blieben wir ein gutes Jahr im Gefängnis. Ich habe lange Zeit nicht kapiert, warum. Aber es muss ein alter Kollege meines Vaters gewesen sein: Der war ein großer Anti-Nazi, irgendwie muss es ihm gelungen sein, uns vor dem Transport zu bewahren, indem wir als Verbrecher geführt wurden. Denn während man Juden sofort ermordet hat, bekamen Verbrecher einen Prozess. Das Gefängnis war also viel besser als Auschwitz.

Später wurden sie aber doch nach Auschwitz deportiert.

Ja, aber erst ein Jahr später. Ein ganzes Jahr, in dem wir nicht in Auschwitz sitzen mussten! Der ehemalige Kollege meines Vaters hat uns so im Grunde das Leben gerettet.

Als Sie hörten, dass es nach Auschwitz ging: Was ging in Ihnen vor?

Wir haben Abschiedsbriefe geschrieben. Denn wir wussten, jetzt fahren wir in den Tod. Ich war bereit, in die Gaskammer zu gehen, als ich in Auschwitz ankam. Wie man sich in einem solchen Augenblick empfindet, kann man nicht beschreiben.

Erinnern Sie sich, was passierte, als Sie in Auschwitz eintrafen?

Mir wurden eine Nummer auf den Arm tätowiert und die Haare geschoren. Das machten alles andere Gefangene. Das war mein großes Glück. Die Häftlinge waren immer sehr erpicht, Neuigkeiten von den Neuankömmlingen zu hören. Da fragte mich eine der Frauen: "Was hast du denn früher gemacht?" Ich sagte: "Ich spiele Cello." "Fantastisch", sagte sie, "hier gibt es eine Kapelle." Dann holte sie Alma Rosé...

…die Nichte des Komponisten Gustav Mahler und selbst sehr bekannte Musikerin.

Genau. So bin ich dann in das sogenannte Mädchenorchester gerutscht.

Wann und wo spielten Sie mit dem Orchester?

Unsere Aufgabe war es, morgens am Tor zu stehen und für die vielen tausend Häftlinge, die zur Arbeit aus dem Lager marschiert sind, Märsche zu spielen. Denn es gab ja viele, viele Fabriken dort. Buna und so weiter. Abends dann das gleiche, wenn die Häftlinge wieder zurückmarschiert sind. Das war unsere Aufgabe.

Nebenbei spielten Sie auch manchmal für SS-Leute. Josef Mengele mochte etwa die "Träumereien" von Robert Schumann.

Ja, das stimmt. Ich habe über dieses Ereignis aber nur berichtet, weil ich etwas zeigen wollte: Mengele war kein ungebildeter Idiot. Er wusste sehr genau, was er tat. Er betrieb in Auschwitz seine schrecklichen Experimente, um sich von der russischen Front fernzuhalten.

Alma Rosé hat Ihnen in gewisser Weise ebenfalls das Leben gerettet, indem sie Sie in das "Mädchenorchester" aufnahm. Was war sie für eine Frau?

Wir haben sie nicht geliebt, sie war wahnsinnig streng mit uns. Aber ihre Aufgabe war auch fast unmöglich. Wir Mädchen waren ja alle Amateure. Vielleicht fünf von uns haben ihr Instrument einigermaßen spielen können. Und aus uns sollte diese Alma Rosé, die aus einer musikalischen Elite stammte, nun etwas machen. Unter den Bedingungen in Auschwitz. Das war irrsinnig.

Welche Gefühle hatten Sie damals?

Fragen Sie nicht nach Gefühlen, die hat man in Auschwitz abgestellt. Ihre Generation kann sich nicht mehr vorstellen, wie sich das damals anfühlte. Seien Sie froh! Das Leben konnte von einem Tag auf den anderen zu Ende sein. Und so lebte man auch nur von einem Tag zum anderen.

1944 rückte die Rote Armee immer weiter Richtung Westen vor, sie wurden von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht. Was war dort anders?

Es gab einen großen Unterschied: In Auschwitz gab es eine Maschinerie, um so viele Menschen wie möglich schnell und möglichst spurlos zu ermorden. In Bergen-Belsen hat man das nicht nötig gehabt. Die Leute sind verhungert, einfach krepiert. Man kann kaum beschreiben, wie es in Bergen-Belsen war. Überall Leichen und Sterbende. Wir haben einfach dagesessen und darauf gewartet, dass es zu Ende geht. Ich habe nichts mehr gefühlt. Aber ich habe den ganzen Dreck überlebt!

…und können uns Nachgeborenen von Ihren Erlebnissen berichten. In Deutschland sitzt heute mit der AfD eine Partei vom rechten Rand im Bundestag. Was denken Sie darüber?

Das macht mir große Sorge, wir müssen jetzt wirklich aufpassen, dass sich das alte Übel nicht wieder einschleicht. Aber es gibt ja auch viele junge Menschen, die sich gegen die AfD stellen. Ich hoffe, dass am Ende die Vernunft siegt.

Schauen Sie eher pessimistisch oder optimistisch in die Zukunft? 

Ich stehe in der Mitte. Letzten Endes bin ich aber doch immer hoffnungsvoll. Vielleicht hat sogar diese ganze Corona-Krise zumindest eine gute Folge. Denn Juden, Christen, Muslime, wir sind alle gleichermaßen betroffen, vielleicht bringt es uns einander näher.

Welche Lehre können wir 75 Jahre nach dem Kriegsende aus der Geschichte ziehen?

Die Menschen sollten miteinander sprechen, bevor sie sich gegenseitig totschlagen. Dann würden wir merken, dass wir mehr gemeinsam haben als uns trennt. Ich habe auch während des Nationalsozialismus anständige Menschen kennengelernt. Das macht mir Mut.

Zum Beispiel?

Juden durften irgendwann nicht mehr in der Straßenbahn mitfahren, sondern hatten sich draußen auf den Perron zu stellen. Als ich einmal dort stand, fuhr die Mutter eines früheren Schulkameraden mit. Als sie mich sah, stand sie auf und stellte sich zu mir. Es war nur eine stumme Botschaft, aber ich habe sie nie vergessen.

Ihre Tochter Maya hat kürzlich ein Buch herausgebracht. Es beinhaltet Briefe an ihre toten Großeltern, die sie selbst nie kennengelernt hat. Und es geht um die Traumata der zweiten Generation. Was halten Sie von dem Buch?

Das Buch eine wunderbare Idee, es bringt auf gewisse Weise die Familie zusammen. Sehen Sie, der Holocaust gehört nicht zum Leben meines Sohnes Raphael. Er lebt für die Musik. Bei meiner Tochter Maya ist das ganz anders. Für mich ist es immer noch erstaunlich, wie unterschiedlich Geschwister sein können. Aber das Buch ist wirklich sehr wichtig. Vor allem hat meine Tochter Maya auch eine wichtige Aufgabe.

Welche ist das?

Sie hat mir zugesagt, die Erinnerung an den Holocaust weiterzugeben, wenn ich eines Tages nicht mehr bin.

(Von Marc von Lüpke und Florian Harms, t-online.de, Ströer Group. 04.05.2020)

Rückkehr der Staatsautorität

Zusammen mit ihrem Ehemann im vierten Stock eines schlichten Gebäudes gegenüber der Museumsinsel im Herzen ihrer Hauptstadt eingesperrt hat Angela Merkel ihre Popularität zurückgewonnen. Vom Virus bedroht, leitete sie ihr Land zwei Wochen lang per Telekonferenz. Dann sah man sie wie irgend eine Staatsb£urgerin beim Einkaufen, wobei sie sich innerhalb des erforderlichen Sicherheitsabstandes an der Kassenschlange anstellte. In ihrer Krisenrede hatte sie als die Wissenschaftlerin gesprochen, die sie ist, basierend auf Realität und Erfahrung. Ihre Nüchternheit und Bescheidenheit gefällt ihren Landsleuten.

Nach dem Monatsbarometer des  öffentlich TV-Kanals ARD stieg sie nach einem Absturz wieder an die Spitze der beliebtesten politischen Persönlichkeiten in Deutschland auf. Das Vorgehen ihrer Regierung und ihrer Partei (der CDU) in der Krise wird von drei Vierteln der Deutschen begrüßt. Noch nie zuvor war dieses Barometer so rasch gestiegen. In Krisenzeiten identifizieren sich die Bürger fast überall mit der Exekutive. Die SPD, Koalitionspartenerin des CDU, ist in der vergangenen Woche um einen Punkt gestiegen und liegt nun wieder bei 17% der Wahlintentionen vor den Grünen, die einen Punkt auf 16% verloren. Die CDU-CSU liegen bei 34%, das sind 7 Punkte mehr in einem Monat. Nach ihrem großen Erfolg in den letzten Monaten fallen die Grünen überall zurück. Werden wir den Planeten vergessen, indem wir zu sehr an die Menschen denken? Das wäre bedauerlich.

(Anmerkung: Das Lager der Kanzlerin profitiert weiterhin vom Kampf gegen die Coronaseuche Innerhalb einer Woche ist die Union im BamS-Sonntagstrend um weitere 4 Punkte auf 37% gestiegen, während die SPD (17%) vor den Grünen (16%) blieb. Die rechtsextreme AfD sinkt auf ihren niedrigsten Stand seit drei Jahren (10%), mit einem Punkt Vorsprung vor der linksextremen Die Linke (9%). Die FDP-Liberalen lagen bei 6%. 12.04.2020)  


Der deutsch Kanzlereffekt spricht Bände. Etwas weniger, weil er weniger gefallen war, profitiert auch Emmanuel Macron davon. In Großbritannien musste die Königin im Fernsehen intervenieren, um den vakanten Posten des Premierministers zu kompensieren, der Opfer von Covid 19 wurde. Überall ist die Exekutive gefragt. Wie der französische Historiker und Politologe Pierrre Rosanvallon sagt, "beobachten wir (in Frankreich) einen Reflex der Legitimation der Republik und des Präsidenten" und er fügt hinzu: "Wir sind auch Zeugen der Rückkehr des Staates und seiner einseitigen Entscheidungsgewalt bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit". Es scheint uns, dass der Verlust von Rechten im Kampf gegen das Virus, wie das Recht auf Bewegung, auf Arbeit, auf Zerstreung an der freien Luft, auf Sport, auf Geselligkeit, von der Bevölkerung gut verstanden wird, denn das Recht auf Leben hat Vorrang vor allem, auch vor der Wirtschaft. Wir haben etwas weniger Beteiligung an Entscheidungsprozessen, außer wenn es um die Beteiligung an der Effektivität von Schutz, Pflege und Heilung geht.

Die Aufwertung der Staatsautorität muss eines Tages nachlassen, sonst würden wir in die "Demokratur" verfallen, ein Risiko, das in Mittel- und Osteuropa stärker akzentuiert zu sein scheint als in Westeuropa, aber die Populisten haben nicht an allen Fronten gewonnen. Ihre Ablehnung von Wissenschaft, Intellektuellen, Experten und Medien im Namen des  unterschwelligen Volksinstinkts hat an Glaubwürdigkeit verloren. Wissen und Wissenschaft haben den Wind in den Segeln. Aber wir müssen auch die Expertokratie vermeiden. Die Politik wird die menschliche Dimension, die Seele, bewahren müssen. (JPP - 06.04.2020)

Unsere Stadt im Griff vom Coronavirus

Nicht alle Stürme kommen, um unser Leben zu ruinieren, sondern um unseren Weg zu bereinigen" (Zitat)

 Die Stille der Stadt ist überwältigend, Traurigkeit strömt aus ihren Mauern und die Frühlingsluft hat nicht den üblichen Geruch. Die Schönheit der blühenden Magnolien und Forsythien vor dem blauen Himmel reicht nicht aus, um den dichten Nebel, der die Tiefen unserer Herzen erreicht hat, wegzureißen. Die seltenen Fußgänger sind auf der Flucht, still und in Eile. Die normalerweise lachende, dynamische und farbenfrohe Stadt ist wie versteinert, leer vom kostbaren Touristensaft, der früher ihre freudigen Adern überflutete. Während die Vögel ihre Nester bauen und die Bäume ihre April-Kostüme anziehen, graben die Menschen Gruben auf dem Friedhof aus...

Aber lassen wir uns nicht von den Sirenen der Melancholie verführen! Maurice Toesca* sagte, dass "es genug Gift in der Melancholie gibt, um einen Mann zu töten".

Sicherlich, wir befinden wir im Krieg. Unser Präsident, Herr Macron, hat es genug gehämmert. Und wir stehen an der Front in diesem dritten Weltkrieg, auf den wir nicht vorbereitet waren. Unsere privilegierten Generationen waren sich nicht immer bewusst, wieviel Glück sie hatten, auf einem wohlhabenden Kontinent in Frieden zu leben. Heute sind dieses Wohlergehen und dieser Frieden - so teuer und hart von unseren Eltern und Großeltern errungen - bedroht. Und der Feind ist gewaltig. Es hieß, die Kriege des 21. Jahrhunderts würden "bakteriologisch" sein... Hier ist einer, mit seiner Schar von Qual und Unheimlichkeit.  

Wird er ausreichen, um diese Höllenmaschine, in der wir uns befanden und in der nichts mehr Vernünftiges zu hören war, abzustoppen? Wird es ausreichen, um diesen nicht enden wollenden Wettlauf nach vorn zu bremsen, der uns schwindelig machte und uns außer Atem brachte? Immer mehr von allem, immer weiter, immer schneller, immer mehr Geld, immer mehr Mittel, mehr, mehr, mehr. Der Planet war verrückt geworden, unverständliche virtuelle Spekulationen machte irre, Grundwerte wurden weggefegt. Reicht es aus?

Ich denke schon. Denn wir werden diese erste Schlacht gewinnen und daraus weiterführende Lehren ziehen. Aber es ist eine ernste Warnung, und die Tortur, die wir durchmachen müssen, hat die Größenordnung all dessen, was wir neu überdenken müssen. Denn es ist sicher, und wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir uns am Ende einer Weltepoche befinden. Es wird ein Vorher und ein Nachher geben, mit einer allgemeinen Bewusstwerdung vom Wesentlichen.

Aber im Moment müssen wir den Piloten und den Mechanikern, die an den Schalthebeln sitzen, absolut vertrauen, auf sie hören und sie unterstützen. Sie sind Profis, die freilich dem Unbekannten gegenüber stehen, die aber unter extrem schwierigen und gefährlichen Bedingungen alles tun, um uns daraus zu holen. Wenn sie uns also sagen, wir sollen zu Hause bleiben, dann bleibt zu Hause! Und dreht keine Dinger! Sie verlangen von uns nicht, dass wir an die Front wie unsere Vorfahren gehen, die die Hölle der Schützengräben unter Leichen, Ängsten, Hunger, Schlamm und Kälte durchgemacht haben. Nein, nur zu Hause zu bleiben, in sicherem Komfort, mit der modernen Technologie, die uns miteinander verbindet und uns erlaubt, soziale Bindungen aufrechtzuerhalten. Es ist doch nicht so schlimm, zumal es Leben retten kann!

Aber wie bei jedem neuen Erlebnis ohne vorherigen Bezug, ohne möglichen Vergleich, ist es trotzdem beängstigend und destabilisierend. Die Einschränkung unserer gewohnten Freiheiten erschüttert unseren Alltag und bringt unsere Gewohnheiten durcheinander. Wir befinden uns in einem unerforschten Gleichgewichtsverlust, mit unangepasst gewordenen Reflexen, die uns zwingen, unsere Beziehung zu Zeit und Raum zu überdenken. Wir hatten vergessen, was es bedeutet, „Zeit zu haben“. Der Moment ist da, wo man erneut lernen kann, Dinge zu tun, die vorher auf morgen oder oft... für immer verschoben wurden. Und obwohl draußen der unsichtbare und stille Krieg mit seinen dramatischen Opferzahlen tobt, kommen die Menschen wieder zu Atem.

Der Applaus am Abend um 20.00 Uhr, um allen unseren Pflegern zu danken, ist sehr bewegend. Die Leere des Tages wird wegradiert und wir sind alle in einem selben Aufschwung vereint.  Im Moment leben wir alle von Tag zu Tag, denn wer könnte heute schon vorhersagen, was morgen sein wird? Aber wir bleiben zuversichtlich und vereint, angetrieben von der Idee, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die ganze Welt gegen denselben Feind kämpft.

Und wir denken an morgen. Morgen, wenn der Kaffee am frühen Morgen an der Bistrotheke einen unnachahmlichen Geschmack haben wird und wenn Kochgerichte, die im Familienkreise oder mit Freunden genossen werden, am Gaumen ein Geschmack hinterlassen, den wir leider vergessen hatten. (Monique Picaper - 28.03.2020)

*Geboren am 25. Mai 1904 in Confolens und gestorben am 27. Januar 1998  ist Maurice Toesca ein preisgekrönter französischer Schriftsteller und Journalist.

Coronavirus: Die Stunde der Exekutive, des Internets und der Medien

Einst hieß es Spaßes halber: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht!“. Aber vom Thema Corona kommt man nicht umhin zu reden. Es beherrscht aktuell fast jedes Gespräch. Wir möchten gerne andere Gespräche führen, wo vom Covid-19 nicht die Rede wäre. Es geht jedoch nicht.  Kaum jemand spricht noch vom Klimawechsel, der trotzdem durchaus real bleibt. Leider ist die Pandemie, die ganz besonders schmerzhaft Europa trifft, weil es weder psychisch noch konkret darauf vorbereitet war,  die größte Sorge.  Die zweite Sorge wird die Wirtschaftsflaute sein, die sich daraus ergeben wird. Sie ist aber noch nicht auf der Tagesordnung.

Die Toten von Wirtschaftskrisen sieht man nicht. Verlust an Arbeit und Lebenssinn ist nicht ansteckend. Covid-19 ist auch unsichtbar aber er springt von Mensch zu Mensch, bedient sich unseres Körpers als Sprungbrett und Tankstelle. Er will die Menschheit vernichten und unsere Körper sind seine Waffe. Er macht wie in der Science Fiction aus jedem Menschen für seinesgleichen eine Gefahr.  Inzwischen ist die Zahl der Toten gestiegen und wird noch weiter wachsen. Der unsichtbare Vernichter macht Angst. Klar! Er sucht sich zunehmend seine Opfer unter jungen Menschen, zu allererst unter denen,  die ein sorgloses, ungesundes und unsportliches Leben geführt haben. Vor allem sind jedoch die Älteren über 70 und 80 im Visier des Monsters. Werden sie infiziert, wird Ihre Lage zur Tragödie. 

Sehr viele Mitbürger und wir selbst sind Arbeit- und Kontaktlos in den Wohnungen eingeschlossen. Wir haben noch nie zuvor soviel Zeit und Muße zum Sinnen gehabt. Weil wir kaum jemand treffen, ist das Bedürfnis sich mitzuteilen groß geworden. Wir haben diese Möglichkeit im Internet.  Gerade in Zeiten wie heute, in denen es gilt, sich zu distanzieren und Kontakte zu vermeiden, ist Internet die Alternative, um seinen Gedanken Gehör zu verschaffen.  Wir können im Internet miteinander reden, damit unsere berechtigte Angst nicht zur Panik entartet. Skype, E-Mails und wieder mal  das Telefon und sogar die Briefe sind da. „Die Post wird ausgeliefert“, versicherte Angela Merkel in ihrer außergewöhnlichen Fernsehansprache vom 18. März. Aber auch die freien Medien erweisen sich als extrem nützlich.  Sowohl die Printmedien wie das Fernsehen erleben eine Ehrenrettung und bekommen wieder ihren Nimbus. Sie wurden in den letzten Monaten und Jahren von Außen links und Außen rechts als linke Lügenpresse oder Komplizen des Kapitals verschrien, beschimpft und beschmutzt. Sie machen in der Krise eine tolle Arbeit. Sie streuen keine Angstbekundungen sondern informieren, stündlich, sachlich, genau. Sie sind unser Kompass. Was täten wir ohne sie?

In ihrer Rede hat sich allerdings Frau Merkel als die Anwältin der Demokratie zu erkennen gegeben, die sie früher war. Sie ist inzwischen zur sorgenden „Mutter“ ihrer Mitbürger mutiert.  Die Marktwirtschaft ist auf die minimalen Überlebensbedürfnisse reduziert. Die Börse ist schwerverletzt, die Banken bluten, Betriebe sind gelähmt, es wird kaum noch transportiert und bald wird nicht mehr gebaut. Es ist in allen demokratischen Staaten die Stunde der sonst unbeliebten Exekutive und alle Kritik, auch diejenige, die Sie an unseren Staatsführungen in unseren Seiten finden, ist verflogen. Wir können froh sein, dass wir rationale, vernünftige Menschen wie Macron und Merkel an der Staatsspitze, stabile Regierungen also, haben. Das gilt auch für alle anderen Staaten der Europäischen Union, welche sich doch als sicherer Hafen erweist.

Natürlich haben es autoritäre und illiberale Staaten leichter, stringente Maßnahmen durchzusetzen, aber unsere gewählten Regierenden machen eine ehrbare und verdienstvolle Arbeit, indem sie geduldig und sachlich ihre Entscheidungen verständlich machen. Diese Krise wird zu einer Übung praktischer und solidarischer Demokratie. Frau Merkel hat es fassbar und begreiflich erklärt. Ebenfalls Herr Macron, der nach so vielen Reissproben die Solidarität unter den Franzosen wieder zusammenkittet. Ganz wunderbar ist es in Frankreich, wenn im ganzen Lande Abends um 20 Uhr alle Franzosen ihre Fenster öffnen und auf  ihre Balkons gehen, um dem Pflegepersonal und den Ärzten in der Krankenhäusern zu applaudieren und „Merci“, Danke, zu rufen.  Frau Merkel hat sich bei den Kassiererinnen und den Angestellten der Supermärkte bedankt und das war auch Klasse.

Wir sind historisch gesehen in einer total ungewöhnlichen Lage aber die Stimmung kippt zum Positiven um. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte im TV mehrmals „Wir sind im Krieg“ und in ihrer ersten Rede an die Nation in 15 Jahren Amtszeit verglich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Situation mit der Kriegszeit vor 1945. Jetzt müssen beide die Krise meistern. Für Macron steht seine Wiederwahl im Jahre 2022 und die Zukunft der neuen Partei LREM, die er gegründet hat, im Spiel. Für Merkel geht es um die CDU, die sie zum Jahrhundertbeginn vor dem Zusammenbruch gerettet hatte. Das werden sie schaffen, wenn sie nicht selbst krank werden.

Es liegt auf der Hand, dass nach der covid-19-Katastrophe nichts mehr wie davor sein wird. Wir werden anders leben, anders denken, nicht mehr so kleinkariert sein. Wir haben zu groß sein wollen, glaubten weltweit handeln zu können, aber wir waren kleinlich, engstirnig und egoistisch, auf unseren unmittelbaren Vorteil geeicht. Das zeigte uns diese Krise unter Lebensgefahr. Die Luft ist reiner, das Wasser ist sauberer. Die Autos bleiben geparkt und Nahrung ist nicht mehr zum Vergeuden sondern zum Leben da. Medikamente retten Leben und sind kostbar. Man lechzt nach einer Impfung gegen den Krankheitserreger. Jetzt wissen wir, dass man mit weniger besser leben kann, wo das Lebensnotwendige zu finden ist und dass man zur Erhaltung einer sicheren Welt Opfer bringen muss. (J.-P. Picaper, 19.03.2020)

Ein weiterer Schritt in Richtung Frankdeutschreich: Der Hambacher Ausschuss

Die konstituierende Sitzung des Ausschuss für Grenzüberschreitende deutsch-französische Zusammenarbeit hat am 22. Januar 2020 im Schloss Hambach an der Weinstrasse im Land Rheinland-Pfalz stattgfunden. Dieses Komitee geht auf den Vertrag von Aachen zurück, den Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor genau einem Jahr unterzeichnet hatten.

Ziel des Ausschusses soll sein, die Expertise aus den Grenzregionen, aus den Ländern, der Région Grand Est, den Départements, aus den Parlamenten und aus der nationalstaatlichen Ebene zu verknüpfen und für die Suche nach Lösungen zu nutzen, erklärten der Beauftragte der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit, Staatsminister Michael Roth und seine französische Amtskollegin Amélie de Montchalin. Roth verwies zudem auf die europäische Dimension der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für Europa: „Wenn wir in unseren Ländern, und gerade in den Grenzregionen, tragfähige Lösungen für die Probleme der Menschen schaffen, können wir Populisten und Nationalisten den Wind aus den Segeln nehmen.“ 

„Rheinland-Pfalz und Frankreich sind traditionell eng verbunden. Die Unternehmen in der Grenzregion unterhalten auf beiden Seiten gute Geschäftsbeziehungen miteinander, dafür wollen wir optimale Rahmenbedingungen gestalten“, sagte der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Dr. Volker Wissing. „Ein weiterer wichtiger Baustein ist die grenzüberschreitende Mobilität. Hier bringt eine enge deutsch-französische Zusammenarbeit viele Verbesserungen für die Menschen in der Region.“

Der neue Ausschuss soll Lösungen für Probleme im Grenzbereich entwickeln, die dann als Vorschläge dem Deutsch-Französischen Ministerrat übermittelt werden. Diese Aufgabe gewinne zunehmend an Bedeutung, erläuterte die Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund und für Europa, Staatssekretärin Heike Raab: „Denn je mehr Menschen über die Grenzen hinweg zusammenarbeiten, desto mehr praktische Fragen sind zu lösen. Erst im Alltagsgeschäft wird deutlich, wo der Schuh drückt.“

Eine weitere Aufgabe des neuen Gremiums ist die Koordination der grenzüberschreitenden Raumbeobachtung. Denn nur bei einer verlässlichen Kenntnis der Pendlerströme, des Angebots und Bedarfs an medizinischer Versorgung oder der Auslastung des öffentlichen Nahverkehrs lasse sich Infrastruktur grenzüberschreitend bedarfsgerecht planen. Weitere Arbeitsbereiche sollen die Gesetzesfolgenabschätzung von europäischen und nationalen Gesetzen auf die Grenzregion und die Erarbeitung von regionalen Entwicklungsstrategien und Vorhaben sein.

Egal, wie man es nennt und trotz aller Unkenrufe, Frankdeutschreich oder Deutschfrankland kommt allmählich voran (JP Picaper, mit der Landespressestelle Rheinland-Pfalz)


Jahreswende 2019-2020: Die Deutschen vertrauen Emmanuel Macron

Die Deutschen vertrauen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron einer Umfrage zufolge mehr als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Das berichteten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am 23. Dezember unter Berufung auf eine Befragung des Instituts Kantar. Demnach gaben 53 Prozent der Befragten an, ihr Vertrauen in Merkel sei "eher groß". Bei Macron betrug der Wert 57 Prozent.

Den höchsten Vertrauenswert erreicht Merkel demnach mit 72 Prozent in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen, bei Frauen ist der Wert mit 59 Prozent höher als bei Männern mit 48 Prozent. Macron erreicht die besten Werte in der Altersgruppe der über 60-Jährigen mit 66 Prozent.

Klar im Negativbereich ist der russische Präsident Wladimir Putin, zu dem 26 Prozent eher großes Vertrauen haben und 67 Prozent eher geringes. Noch deutlich schlechter schneiden allerdings der britische Premierminister Boris Johnson mit zwölf zu 71 Prozent, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit sechs zu 86 Prozent und als Schlusslicht US-Präsident Donald Trump mit sechs zu 89 Prozent ab.

Kein schwarzer Freitag ? 

Zweimal ertönte englischer Kanonendonner über den Kanal zu unseren Ohren herüber. Ein erstes Mal am Donnerstag, dem 23. Juni 2016, als die Volksabstimmung von David Cameron für den Ausstieg aus der EU entschied. Und wieder am 13. Dezember 2019, einem Freitag, als die von Boris Johnson beschlossene Parlamentswahl eine absolute Brexit-Mehrheit hervorbrachte. Ob die Landung Englands in England weich oder hart wird, sie ist  zum 31. Januar fällig. Zum Abschluss des Spektakels der vergangenen drei Jahre zieht  Johnson nun den Vorhang zu. Der Brexit bleibt das Werk der Tories. Sie glauben, England gerettet zu haben.

Der unpopuläre Labour-Chef Jeremy Corbyn zögerte, sich offen fürs „Maintain“ auszusprechen. Seinen Landsleuten zum Trotz verlangte er eine neue Volksabstimmung. So hat er EU-Willige abgeschreckt und das Brexit-Debakel von Johnson attraktiv gemacht. Dabei hatten sich seine Parteigenossen Tony Blair und Gordon Brown doch mit der EU-Vollmitgliedschaft abgefunden. Im Urlaub in Frankreich zahlte Blair mit Euros. In der Krise von 2008 half sein Nachfolger Brown sachkundig bei der Euro- und Bankenrettung. Alles umsonst. Der ehemalige Journalist Johnson, Anglo-Amerikaner bis 2016, jetzt definitiv Engländer; geht in die Geschichte ein.

„England ist eine Insel“, stellte Präsident de Gaulle fest. Keine große Neuigkeit aber ein Vorwand, um sich dem englischen EG-Beitritt zweimal, am 14. Januar 1963 und am 11. Mai 1967, zu widersetzen. Er warf im Dezember 1967 beim EG-Ministerrat sein Veto auf den Tisch. „Eine Insel“ ? Aus seiner Sicht  war England ein amerikanischer Flugzeugträger  unweit der Seine- und Rhein-Mündung. Erst nach seinem Ableben wurde das UK zusammen mit Dänemark und Irland am 1. Januar 1973 europäisch. Aber nur halb. Die Union Jack-Insulaner schafften es „drinnen und draußen“ zugleich zu sein. Die „Opting out“-Klausel sicherte ihnen jedenfalls die Vorteile Europas ohne die Bürden.                                           

Sie waren der EG als Liberale beigetreten. Bis zuletzt wollten sie daraus eine Freihandelszone machen. Von außerhalb war es ihnen nicht gelungen, sie dachten, innerhalb klappt es besser. Wir haben nichts gegen den freien Handel, aber die politische Konsolidierung der EU blieb ihretwegen teilweise auf der Strecke. Trotzdem sind wir nett zu ihnen geblieben. François Mitterrand ließ sogar einen Tunnel nach Großbritannien bohren. Jetzt ist England wieder weitgehend eine echte Insel. Vielleicht wird es doch eines Tages mit anderen Mehrheiten und angesichts der Weltlage den Weg zurück zu Europa finden. Die Iren, die Schotten und ein Teil der englischen Bevölkerung möchten dies bereits. Das Vereinigte Königreich müsste aber dann das EU-Modell akzeptieren und voll und ganz mitmachen. Wir sollen inzwischen dafür sorgen, dass die bestehenden Beziehungen, vor allem in Sache Verteidigung, erhalten bleiben. Der Tunnel unter dem Kanal bleibt offen. (Jean-Paul Picaper, Vereinspräsident von Paneuropa Frankreich, - 31. Januar 2020)